Tagebuch Teil 3: El Chalten und Carretera Austral – 2011

03.03.2011 – Lügen haben kurze Beine – … oder Notbiwak 1

Wie bereits vermutet, blies der Wind auch heute wieder kräftig aus dem Tal heraus. Ich verabschiedete mich noch kurz von meinen Motorradfreunden und beim Rückweg zum Hostel traf ich auf den ersten Fahrradfahrer. Es war Jan aus Stuttgart. Im weiteren Streckenverlauf traf ich auch das Pärchen aus Frankreich wieder, das wir bereits kurz hinter Ushuaia gesehen hatten. Auch sie wollen den Übergang nach Chile wagen.
Die Piste war anfangs sehr schlecht zu befahren und besserte sich erst nach etwa 20 Kilometern. Landschaftlich war es dafür absolut traumhaft. Gletscherbedeckte Felsgipfel, hohe Wasserfälle und herrlicher Südbuchenwald wechselten sich ab. Später kam sogar noch die Sonne heraus. Am Nachmittag hatten wir alle zusammen den Lago del Desierto erreicht. Am Schiffsanleger kam ein Mechaniker auf uns zu, der uns mitteilte, dass das Boot einen Motorschaden habe und es so ungewiss wäre, ob es in den nächsten Tagen überhaupt fahren würde. Ein Mechaniker müsste aus El Calafate (260 Kilometer) kommen. Das waren seine Worte und irgendwie fühlte ich bereits, dass er uns angelogen hatte. Was sollten wir aber tun, wenn er recht hätte und das Schiff tatsächlich in den nächsten Tagen nicht fahren würde? Das Anschlussboot auf der chilenischen Seite wäre weg und dies würde alle Beteiligten genau 1 Woche zurückwerfen. Der Entschluss war schnell gefasst. Mit den Rädern wanderten wir über den Höhenweg am See entlang. Etwa 12 Kilometer Luftlinie waren zu überbrücken.
Gesagt, getan! Es begann gleich sehr abenteuerlich. Über eine wackelnde Hängebrücke balancierten wir erst das Gepäck und später die Fahrräder. Ab hier verpackte ich nahezu das gesamte Gepäck in den Rucksack. Nur das Zelt und die Hintertaschen ließ ich am Rad. So starteten wir zu einer kraftraubenden Odyssee. Bereits nach wenigen Metern führte der Weg sehr steil nach oben und immer wieder waren Baumstämme zu umtragen. Ein wahnsinniger Kraftakt und wir kamen kaum vorwärts. Da hatte ich mit meinem Rucksack noch Glück, denn die anderen mussten alle Passagen immer wieder doppelt gehen. Erst das Gepäck und dann kam erst das Rad an die Reihe. An besonders schwierigen Passagen musste ich es genauso machen. Ich wollte heute möglichst weit kommen, um morgen mehr oder weniger planmäßig in den Aufstieg zum Pass gehen zu können. So trennte ich mich nach etwa 2 Stunden von Jan und dem französischen Pärchen. Alleine ging es noch bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter. Im letzten Licht suchte ich mir ein schönes Plätzchen am See. Zum Aufbau des Zeltes hatte ich um diese Zeit keine Lust und keine Kraft mehr. So blieb mir nur eine Alternative – die Übernachtung im Biwaksack! Der Schlafplatz war mit Abstand der schönste meines Lebens; die Situation, in der ich mich befand, gehörte aber zu den schlimmsten Momenten. Es waren gerade 3 Kilometern von 12 Kilometern geschafft und es schien nicht sicher, ob die argentinische Grenzstation morgen überhaupt zu erreichen ist, wenn der Weg so schlecht bleibt.

Der Fitz Roy ist mal wieder in Wolken

Ein Wasserfall am Wegesrand

Panorama am Lago del Desierto

Die Wolken verziehen sich zum Abend

Meine Meinung zum Biwakplatz

Meine Meinung zur Situation

04.03.2011 – Der anspruchsvolle Kraftakt – … oder Notbiwak 2

Schon gegen 7.00 Uhr kroch ich aus meinem Schlafsack heraus und frühstückte. Schnell waren die Sachen wieder eingepackt und etwa eine halbe Stunde später (viel früher hatte wegen der Lichtverhältnisse im Wald sowieso keinen Sinn) ging es los. Immer wieder brachen Eisbrocken aus dem gegenüberliegenden Hängegletscher heraus und fielen mit lautem Tosen ins Tal. Der Weg verbesserte sich zunächst nicht. Es mussten große Höhenunterschiede überbrückt und wilde Gebirgsbäche überquert werden. Nach drei Stunden hatte ich erneut 3 Kilometer zurückgelegt. Die Kalkulation ergab, dass die argentinische Grenzstation am Ende des Sees wohl gegen Abend erreicht wird.
Am höchsten Punkt mit schönstem Blick auf den Fitz Roy und das gesamte Bergmassiv um den Lago del Desierto machte ich eine grausige Entdeckung. Im Dickicht der schlechten Wege hatte ich eine Hintertasche verloren und es war auch noch die Tasche, in der sich die beiden Fronttaschen befanden. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als zurück zulaufen und zu suchen. Viele Fragen taten sich auf. War die Tasche einen Hang heruntergefallen? Würde ich die Tasche im unwegsamen Gelände überhaupt sehen? Die Lösung dauerte eine gute halbe Stunde. Ich traf auf Jan und er erzählt mir, dass er die Tasche gefunden habe. Sie würde sich noch ein paar Meter von hier auf dem Weg befinden und so war es. Ein Trägerteil der Tasche brach bei der Durchquerung von Dornenbüschen ab und dadurch bemerkte ich den Verlust gar nicht. Durch dieses Missgeschick verlor ich eine gute Stunde – aber was wollte man in so einer Situation machen. Ohne Taschen hätte ich nicht weiterfahren können.
Der weitere Wegverlauf war sehr wechselhaft. Immer wieder hieß es steile Passagen bergauf und bergab schieben. Würze in die Sache brachten die teilweise recht wackeligen Bachquerungen. Es war schon sehr anstrengend über Hölzer und Steine zu balancieren und noch ein etwa 25 Kilogramm schweres Rad in der Hand halten zu dürfen. Langsam aber sicher purzelten die Kilometer nach unten und irgendwann war ein steiniger Strand erreicht. Von hier fehlte lediglich noch ein Kilometer und ich stand auf der Wiese, wo sich auch die argentinische Grenzstation befand.
Die Uhr zeigte 16.50 Uhr und so war die weitere Vorgehensweise schnell klar. Den Aufstieg zum Pass wollte ich heute auf jeden Fall noch schaffen. Die Grenzformalitäten liefen hier sehr entspannt und zügig ab. Der alte Eselspfad, der jetzt folgte, zeigte sich aber von seiner eher störrischen Seite. Zunächst ging es relativ steil bergauf. Die häufigen Regenfälle hatten den Weg bereits ziemlich ausgespült. Von Meter zu Meter nahmen die matschigen Anteile zu und das Rad wurde jetzt so richtig schmutzig. Teilweise musste ich durch Sumpfgebiet laufen. Glücklich konnten sich die Leute schätzen, die mit hohen Bergstiefeln unterwegs waren. Nur so konnte man trocken Füße bewahren. Das Rad steckte nicht nur einmal im Morast fest und des Öfteren schrie ich heftige Schimpftiraden heraus. Sandrine aus Frankreich, die mich an einer Stelle überholte, konnte die bösen Worte glücklicherweise nicht verstehen. Die letzten Kraftreserven wurden auf diesem etwa sieben Kilometer langem Weg verschossen und mit allerletzter Kraft erreichte ich den Pass und das Grenzschild von Chile. Am liebsten hätte ich es vor Freude umarmt. Jetzt verbreiterte sich der Weg und man konnte sogar einige Abschnitte auf dem Rad fahrend zurücklegen.
Um 21.30 Uhr folgten wieder kräftige Anstiege, die ich nach 14 Stunden Geh- / Fahrzeit einfach nicht mehr schaffte. Die Lösung: Biwaksack raus und einfach neben dem Weg zum Schlafen legen. Ein herrlicher Sternenhimmel entschädigte für die Strapazen des doch sehr anstrengenden Tages.

Auf dem Weg

Im Banne des Fitz Roy….und Wolken hat er auch wieder

Blick auf den Lago del Desierto

Die chilenische Grenze ist erreicht

05.03.2011 – Demonstration gegen Umweltzerstörung in Patagonien

Es fehlten heute nur 8 Kilometer, um den Hafen zu erreichen. Der Zustand des Weges mit großen losen Steinen und kräftigen Anstiegen und Abfahrten zwangen aber immer wieder zu längeren Schiebepassagen, sodass ich eine gute Stunde zur chilenischen Grenzstation brauchte. Egal – es war geschafft! Meine Gedanken waren aber trotzdem bei Jan und den beiden Franzosen, denn sie hatte sicherlich noch einiges zu absolvieren.
Um 11.15 Uhr kam das Schiff und nahm mich mit zu einer Erkundung des O´Higgins-Gletschers. Die Fahrt dorthin dauerte gute 2 ½ Stunden. Mauricio aus Villa O´Higgins forderte mich nach einer Weile auf, an Deck zu kommen. Dort würde man eine Demonstration vorbereiten. Fast alle Einwohner in der Region sind gegen die geplanten Staudämme (und die daraus resultierenden Stromleitungen), die man hier zur Stromerzeugung errichten will. Stromerzeugung ist eine Sache, aber will man denn wirklich eines der letzten erhaltenen Ökosysteme auf diesem Planeten zugunsten der Stromgewinnung gewaltsam zerstören. Stromkabel überall würden einfach stören. Es scheint, als ob auch in Chile die Politiker mehr von wirtschaftlichen Interessen getrieben werden, als den eigentlichen Interessen des Landes zu dienen. Die Bewohner von Villa O´ Higgins haben große Angst, denn bereits in diesem Monat steht eine wichtige Entscheidung an. Ich bin in Gedanken auf jeden Fall bei ihnen. Solch ein Projekt muss auf jeden Fall verhindert werden. PATAGONIA SIN REPRESAS!!!
Mit dem Schiff fuhren wir noch an den Gletscher heran und konnten ein paar schöne Fotos schießen. Zur Feier des Tages gab es noch ein Glas Whiskey auf echtem Gletschereis. Danach fuhren wir zurück. Am ersten Hafen wartete bereits Jan auf das Schiff. Er hatte es geschafft. Nach 10 Minuten rollte Ludo aus Frankreich ein. Seine Partnerin Emily erreichte etwa fünf Minuten vor der Abfahrt des Schiffes den Hafen. Gott sei Dank – alle Teilnehmer erreichten trotz enormen Kraftaufwands das Ziel. Nach weiteren 2 ½ Stunden Schifffahrt und einer ½ Radstunde war Villa O´Higgins erreicht. Müde aber glücklich fielen wir in die Betten unseres Hostels.

Der Fahrweg zum chilenischen Hafen

Das Schiff erreicht den Hafen

Demonstration für den Erhalt der Region

Einen Whiskey mit echtem Gletschereis gibt es nicht jeden Tag

Wieder ein zerissener Gletscher

Live-Musik auf dem Schiff

06.03.2011 – Rehabilitationstag

Endlich konnten wir alle entspannt ausschlafen. Draußen regnete es in Strömen und alle Radler konnten es heute sehr ruhig angehen lassen. Als es aufhörte, machte ich mich an die Radpflege. Schlammbrocken mussten entfernt werden und auch die Kette schrie förmlich nach neuem Öl.
Das Wetter verbesserte sich zum Nachmittag und so konnte ich noch die Gegend im Rahmen einer kleinen Wanderung erkunden. Stundenlang konnte man in traumhaften Landschaften spazieren, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen. Nur matschige Wege verhinderten meine Wanderung zum nächsten Gletscher.
Den Abend verbrachten alle gemeinsam im Hostel. Dort lernte ich Albert und Antonietta aus Santiago de Chile kennen. Es gab eine ganze Menge von unseren Reisen zu erzählen und auch das gemeinsame Biertrinken machte viel Spaß.

Das dreckige Fahrrad

So sahen die Bremsen aus

Das ist Villa O´Higgins – das echte Ende der Welt (zumindest vom Gefühl)

Hier ist man noch alleine unterwegs

Jan, Ludo und Emily im Hostel

Beim Bier mit Albert und Sandrine

07.03.2011 – Unterwegs auf der Carretera Austral

Ich hatte es tatsächlich geschafft. Das südliche Ende einer der letzten Traumstraßen dieser Erde war erreicht und nun sollte es Richtung Norden gehen. Die Carretera zeigte mir aber auch gleich, dass nicht alles so schön sein muss. Mit dicken großen und auch losen Steinen waren die ersten Kilometer recht anstrengend zu fahren. Danach verbesserte sich zwar der Straßenbelag, als besondere Würze kamen jetzt sehr kräftige Anstiege dazu. Auch mein bester Freund der „starke Wind“ hatte mich noch nicht vergessen und blies mir wieder mit etwa 50 Stundenkilometer ins Gesicht.
Nach guten 50 Kilometern sah ich in der Entfernung zwei Motorräder. Man sollte es nicht glauben. Es waren Christian und Reinhold und wir trafen uns mitten auf der Carretera Austral. Sie warnten mich bereits vor kräftigen Anstiegen, die unmittelbar voraus lagen. Unglaublich steil und kraftraubend zog sich die Straße über einen Bergrücken. Danach ging es in ein verlassenes Hochtal, um auf der anderen Seite erneut steil bergauf zu fahren. So ist das eben beim Radfahren: Irgendetwas ist immer!
Am Abend hatte ich mein Tagesziel erreicht. Der Fähranleger von Rio Bravo wartete mit einem schönen Wartehäuschen, wo ich trocken und windgeschützt auf einer Holzbank mit Luftmatratze und Schlafsack die Nacht verbrachte.

Klare Ansage!

Unterwegs auf der Carretera Austral

Wiedersehensfreude mit Christian und Reinhold

Verhängnisvolle Verkehrszeichen

Jan im steilen Anstieg (auf dem Foto kommt es nicht raus)

Wilde Anstiege – ein Vorgeschmack auf die nächsten Tage

08.03.2011 – Ein Wort das alles umschreibt: Dauerregen

Im Laufe des Vormittags trudelten noch Carlos aus Spanien und Jan aus Deutschland am Fähranleger an. Sie hatten die Nacht an einem schönen Platz etwa 20 Kilometer von hier verbracht und waren bereits ziemlich durchnässt. Wir warteten jetzt zusammen auf die erste Fähre. Auch unser Kapitän Cesar gesellte sich noch zu uns. Er wollte nach Coyhayque und nahm einen anderen deutschen Radfahrer mit, der seine Tour in Villa O´Higgins gestern beendete.
Immer wieder regnete es. Nur bei der Ankunft in Puerto Yungay hörte es kurz auf. Wir stärkten uns mit einigen süßen Köstlichkeiten in einem kleinen Kiosk, um uns zu dritt auf den Weg über den nächsten großen Pass zu machen. Ungeheuer steil ging es gleich nach dem Dorf bergauf. Zur Feier des Tages setzte wieder heftiger Regen ein. Innerhalb von wenigen Minuten war ich so stark geschwitzt, dass das Wasser in der Jacke genauso hoch stand, wie außen das Regenwasser. Immer wieder pausierte ich, um so nicht so stark schwitzend oben auf der Passhöhe anzukommen. Es gelang. In einigen Serpentinen ging es abwärts ins Tal des Rio Baker. Von hier aus waren es nur noch 22 Kilometer zum nächsten Tagesziel Caleta Tortel. Ein kleines Dorf, das erst seit 2002 mit der Außenwelt mit einer Piste verbunden ist. Hier gibt es keine Straßen. Alle Zugangswege verlaufen über kleine Holzstege aus Zypressenholz (dieses Holz duftet herrlich!). Das Dorf verbreitet einen tollen Charme – sicherlich noch mehr, wenn die Sonne scheinen würde.
Es regnete den ganzen Tag weiter.

Mein Schlaflager im Wartehäuschen

Die Radler mit Kapitän Cesar

Auf der Fähre nach Puerto Yungay

Fahrt im Regen

Tiefe Wolkendecke über dem Rio Backer

Caleta Tortel – Ein romantischer Ort bei Sonnenschein

09.03.2011 – Zwangspause

Zum heutigen Tag gab es nicht viel zu erzählen. Es regnete ununterbrochen und ich verbrachte den ganzen Tag mit Tagebuchschreiben und mit Vorbereitungen, um die Internetseite bei nächster Gelegenheit auf den neuesten Stand zu bringen. Als es am Nachmittag der Niederschlag etwas nachgelassen hatte, ging es zu einer kurzen Dorfbesichtigung vor die Tür. Ich stellte mir vor, wie es hier wohl bei Sonnenschein aussehen würde. Romantische Holzstege mit kleinen Häuschen direkt über dem Meer und im Hintergrund Felsen mit Gletschern. Na, ja, mir blieb leider nur die Möglichkeit bei schlechtem Wetter zu fotografieren. Zum Ende des Dorfrundganges fing es wieder stark zu regnen an. Also nichts wie schnell wieder zurück in die Unterkunft.
Lea, die Französin mit vietnamesischen Wurzeln, lud mich am Abend noch zu einer Gemüsesuppe ein. So musste ich wenigstens nicht mehr vor die Tür.

Ein Blick auf Caleta Tortel

Romantische Wohnungen direkt am Meer

…nur das Wetter könnte schöner sein

Mit meinen Vermietern Maria und Nelson

10.03.2011 – … und man trifft sich immer wieder

Die ganze Nacht hatte es ununterbrochen stark geregnet und zum Morgen sah es nicht wesentlich besser aus. Gegen 9.00 Uhr riss der Himmel aber zum ersten Mal ein wenig auf. Mit baldigem Ende der Niederschläge war zu rechnen. Nach dem Frühstück hieß es Sachen zusammenpacken und die etwa 500 Meter über die Holzstege zur Touristeninformation schleppen. Wieder ein richtig kleiner Kraftakt, den ich bei nun nur noch leichten Regenschauern löste. Als alles oben war, wurde noch Brot gekauft und es konnte in Richtung Cochrane losgehen. Es war wohl Ehrensache, dass nach nur 5 Minuten wieder Regen einsetzte, der sich hartnäckig bis in den frühen Nachmittag hielt.
Gegen 15.00 Uhr kamen zwei Motorräder von hinten. Es waren Christian und Reinhold und wir stoppten für eine kleine Unterhaltung. Man trifft sich immer wieder auf der Carretera Austral. Sie erzählten mir, dass es bis auf etwa 100 Meter über Villa O´Higgins herabgeschneit hatte. Der Herbst hatte mit kräftigen Schlägen an die Tür getrommelt. Die nächsten Tage sollten aber besser werden und Christian träumte bereits von einem „goldenen Herbst“ auf der Carretera Austral. Wir vereinbarten über Skype (wenn es in dieser Einsamkeit mal funktioniert) in Kontakt zu bleiben und vielleicht gibt es ja ein weiteres Wiedersehen in Chile.
Die beiden fuhren in zügigem Tempo davon. Bis Cochrane konnte ich es an diesem Tag auf keinen Fall schaffen und so suchte ich mir kurz vor dem nächsten Pass eine Übernachtungsmöglichkeit und fand etwa 4 Kilometer abseits der Straße einen hübschen Campingplatz.

…und man trifft sich immer wieder!

Ein gewaltiger Wasserfall auf der Strecke

Aus der Fahrerperspektive

Ein Torbogen aus Bäumen

11.03.2011 – Im Trainingslager

Auch heute verhießen die Wolken nicht unbedingt den Traumtag. Trotzdem musste es weitergehen. Die Carretera Austral forderte seine radfahrenden Gäste jeden Tag zu neuen Herausforderungen auf. Die Anstiege wurden mehr und höher und auch die Piste entwickelte sich abschnittsweise zu einem miserablen Feldweg. Als Entschädigung dafür konnte man die traumhaften Panoramen (sofern man sie wegen des Wetters zu sehen bekommt) und die noch unberührte Natur genießen.
Heute sollte es nur nach Cochrane gehen – die erste größere Stadt mit etwa 3.000 Einwohnern. Gleich zum Eingewöhnen wartete ein Pass mit 330 Metern Höhenunterschied auf mich. Da die Steigungen im Rahmen blieben, konnte ich ihn gut bewältigen. Der weitere Straßenverlauf war äußerst wellig (hoch und runter) und dazu kamen noch jede Menge Schlaglöcher und Wellblechpiste (Rippen in der Straße, die sofort hintereinander folgen und das Rad massiv schütteln). Gegen Mittag kamen mir sogar noch zwei Radler aus den USA entgegen. Wenig später war Cochrane erreicht. Ein eher trostloser Ort in traumhafter Natur. Ich entschied mich hier zu bleiben und erst morgen weiter zu fahren. Im Fernsehen wurde ununterbrochen vom Erdbeben in Japan berichtet und Chile bereitete sich zielstrebig auf die Ankunft des Tsunamis vor und evakuierte die gesamte Küstenregion.

An der Laguna Esmeralda

Cochrane – die Kleinmetropole an der Carretera Austral

12.03.2011 – Im ständigen Auf und Ab an den Lago General Carrera

Das Wetter sah heute endlich etwas besser aus. Es gab zwar viele Wolken, dennoch war die Hoffnung noch nicht verloren, dass sich auch die Sonne für ein paar Momente zeigen könnte. Bereits im Ort führte mich der Weg das erste Mal bergauf und es sollte heute auch nicht das letzte Mal sein. Hinter Cochrane musste ich einen Höhenrücken erklimmen und danach über einen Höhenzug in Richtung Westen fahren. Während ich steile Rampen hinaufstrampelte, floss unten der Rio Baker wild und tosend durch sein enges Bett. Eine steile Abfahrt zur Überquerung des Rio Chacabuco und einen ebensolchen Anstieg ließen die Kraftreserve so langsam schwinden. Auf der miserablen Piste folgte auf den weiteren etwa 20 Kilometern wieder ein sehr welliges Profil.
Beim Zusammenfluss von Rio Baker und Rio Nef fiel mir auf, dass sich der wasserreichste Fluss Chiles hier in seiner Farbe änderte. Der Rio Nef brachte trübes graues Gletscherwasser mit vielen Sedimenten mit und drückte dem Rio Baker seine Wasserfarbe auf. Im oberen Flusslauf des Baker glänzte dieser mit einer türkisblauen Farbe, wie ich es bisher selten in meinem Leben gesehen habe. Vor allem bei Sonnenschein kam die Farbe voll zur Geltung und begeisterte mich. Die touristische Infrastruktur verbesserte sich in dieser Gegend. Immer mal wieder gab es Campingplätze oder feste Unterkünfte am Wegesrand. Mit Puerto Bertrand folgte sogar noch ein Dorf. Die Jugendlichen machten sich hier ein Spaß daraus, über einen Steg in den eiskalten See zu springen. Man sagte mir, dass das Wasser doch lauwarm sei. Geschmacksache!
Über einen kräftigen Anstieg verließ ich das Dorf, um weiter an den größten chilenischen See Lago General Carrera zu radeln. Ihn hatte ich gegen Abend erreicht und an einer geschützten Stelle baute ich das Zelt auf. Viele hungrige Mosquitos ließen mich gleich in das Zelt verschwinden. Interessante fischförmige Wolken kündigten wohl wieder einen Wetterwechsel an.

Wohin das Auge reicht – die Bevölkerung will keine Stromkraftwerke

Ist das ein Blau?

Die verrückte Jugend in Puerto Bertrand

An der Westseite des Lago General Carrera

Ein Traumpanorama an der Carretera Austral

Ein Abend im Zelt

13.03.2011 – Die Marmorkathedralen von Puerto Rio Tranquilo

Über Nacht war zwar viel Tau gefallen, die Wolken sahen am Morgen aber bereits so aus, als wollten sie so schnell wie möglich wieder Regen über mir ausgießen. Da man sich in Patagonien danach aber nicht immer richten kann, verzogen sich die hässlichen Wolkengebilde und die Sonne zeigte sich. Damit hätte ich nicht gerechnet.
Über sehr welliges Streckenprofil ging es die nächsten 25 Kilometer in Richtung Puerto Rio Tranquilo. Bereits weit vor der Ortseinfahrt zeigte ein Schild, dass es steil bergab zu der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeit am See ging – den Marmor-Kathedralen. Die Abfahrt war so steil, dass die Bremsen ganze Arbeit leisten mussten und ich mich zudem noch mit einem Bein abstützte. Unten angekommen galt es auf den Führer zu warten. Er war gerade mit einer anderen Gruppe an den Marmorgebilden. Mit einem Motorboot fuhren wir danach am Ufer entlang zu zwei Steinformationen. Sie bestehen aus Marmor und wurden über Jahrtausende vom Wasser des Sees ausgespült, sodass herrliche Formationen entstanden. Da wir mit einem kleinen Boot unterwegs waren, konnten wir sogar durch ein paar dieser Höhlen direkt hindurch fahren.
Nach einer Stärkung in Puerto Rio Tranquilo machte ich mich auf den Weiterweg in das nächste Dorf. Ich traf auf ein Radfahrerpaar aus Kanada, das von Alaska nach Feuerland unterwegs war. Sie erzählten mir von allen anderen Radfahrern. Jan fuhr jetzt mit Gregory aus Frankreich und war einen Tag voraus (sie waren auch während des Dauerregens weitergefahren). Das kolumbianische Mädchen, das von Ushuaia aus alleine unterwegs war, sollte zwei Tage vorausfahren (alle Radler, die entgegenkamen erzählten von hier – vielleicht kann ich sie ja auch noch kennenlernen;-) – zumindest fährt sie wie ich zunächst bis Puerto Montt). Im weiteren Verlauf begegnete ich noch zwei jungen Französinnen mit richtig schlechtem Material. Sie waren nur mit Rücksäcken unterwegs und eine band diesen an einem eher schwach aussehenden Gepäckträger fest. Die andere hatte ihren Expander verloren und trug alles Gepäck auf dem Rücken. Die beiden taten mir richtig Leid. Es war nicht mehr weit bis Bahia Murta, wo ich für schmales Geld in einer richtig schäbigen Hütte unterkam. Lustigstes Erlebnis des Tages: Im Restaurant wurde mir ohne zu fragen einfach etwas zubereitet. Glücklicherweise traf es meinen Geschmack.
Mittlerweile hatte wieder Regen eingesetzt. Morgen will ich eigentlich 100 Kilometer bis Villa Cerro Castillo fahren. Das wird wohl schwer zu schaffen, wenn sich das Wetter nicht ändert.

Herrliche Aussichten (auf den See und das Wetter spielt mal mit)

Unter diesen Felsen verstecken sich die Marmorkathedralen

Die ausgespülten Marmorformationen

– ohne Worte -

Bei Puerto Rio Tranquilo

Torrey und Lucie aus Kanada fahren von Alaska nach Ushuaia

14.03.2011 – Wieder Regen

Der Tag begann für mich später als geplant, da der Regen wieder mit mir war und es erst gegen 9.30 Uhr langsam aufhörte. Eiligst wurden die Sachen zusammengepackt und die Abfahrt vorbereitet. Bis die Unterkunft bezahlt war, wurde es doch wieder kurz vor 11.00 Uhr. Die Mutter des Vermieters fand mich so nett, dass sie mir noch eine Packung Kekse als Stärkung für die nächste Etappe schenkte.
Zunächst führte die Route durch das schönste Tal der Carretera (leider ohne Aussicht). Es war relativ flach und es ging gut voran. Während einer Rast lernte ich chilenische Motorradfahrer kennen. Einer von ihnen hat sogar Verwandtschaft in Frankfurt am Main und fuhr selbst schon mit dem Fahrrad von Regensburg nach Wien.
Im Aufstieg kam wieder alles wie erwartet. Sechs mächtige und steile Rampen erwarteten mich und zudem setzte Regen ein. Es war wieder ein Fall für das Regencape – ich schwitzte und schwitzte und schwitzte. Der weitere Streckenverlauf war eher flach mit leichtem Gefälle und auf guter Piste fast perfekt zu fahren. Gegen Nachmittag holten mich auch Christian und Reinhold von hinten ein (… und man trifft sich immer wieder!) und wir verabredeten uns für Coyhaique – der nächste größere Ort auf der Strecke.
Im letzten Licht des Tages erreichte ich Villa Cerro Castillo. Am Campingplatz sollte es auch eine Hütte mit günstigen Schlafplätzen geben. Die Hütte fand ich und sprach auch mit dem Vermieter. Mein Fehler war allerdings, dass er mir den Schlafplatz nicht gleich zeigte. Als ich in völliger Dunkelheit vom Essen zurückkam, wurde klar, dass ich auf dem falschen Platz war und es hier gar keine Unterkünfte gab. Kein Problem, binnen Minuten besorgte mir der Hausherr mittels Funkgerät einen anderen Schlafplatz bei seinem Onkel im Dorf.

Heute waren mehrere Oldtimer auf der Carretera unterwegs

Zwei Motorradfahrer aus Chile unterhalten sich mit mir

Tiefhängende Wolken und Regen im Tal des Rio Ibanez

Ein Gaucho bei der Arbeit

15.03.2011 – Einer ärgert dich immer

Das Wetter hatte sich über Nacht deutlich gebessert. Morgens konnte man die Berge sehen. Also nichts wie raus aus dem Bett. Seit Tagen konnte ich endlich mal wieder mit warmem Wasser duschen. Zuerst besichtigte ich die Felsmalereien der Tehuelche-Indianer, die schon viele Tausend Jahre alt sein sollen. Da der Eingang verschlossen war, musste ich über einen Zaun klettern.
Durch die Besichtigung kam ich auch erst gegen 11.00 Uhr aus dem Ort heraus und es warteten erneut gute 100 Kilometer. Als Bonus standen die beiden höchsten Pässe der Carretera Austral auf dem Programm. Dank befestigter Straße und nur mäßigen Steigungen verlief alles unproblematisch. Bei den letzten Kilometern war aber wieder einer meiner Feinde präsent. Der Regen hatte sich zwar heute freigenommen. Dafür kam der Wind zurück, der mit Stärke 6 voll ins Gesicht blies. Was wollte man machen. Irgendetwas ist ja immer und so wurde mit Mühe und Härte auch dieses Problem aus der Welt gestrampelt. Gegen 19.30 Uhr hatte ich das Hostel erreicht und Reinhold wartete bereits auf mich. Nach der zweiten heißen Dusche an diesem Tag gingen wir beide in die Stadt, um noch etwas zu essen.

Jahrtausendealte Malereien der Tehuelche-Indianer

Oliver und Sabine sind seit 2 1/2 Jahren mit dem Camper unterwegs

Blick auf die Serpentinen und das Tal des Rio Ibanez

Blick in die Weite in Richtung Argentinien

16.03.2011 – Pause in Coyhaique

Um ein paar Sachen zu organisieren, wollte ich heute einen Tag Pause einlegen. Dies war auf jeden Fall eine sehr gute Idee, denn bis kurz nach 14.00 Uhr regnete es ohne Unterbrechung durch. Die Zeit am Vormittag wurde ausgiebig zum Bearbeiten der Internetseite genutzt. Nachmittags ging es in die Stadt, um Christian zu treffen. Er saß in einem Café mit Internetzugang und schrieb seinen Reisebericht. Wir beide ließen uns einen köstlichen Kakao und den wohlschmeckenden selbst gebackenen Kuchen schmecken.
Am späten Nachmittag gingen wir zusammen zur Reederei, um nach Fährmöglichkeiten von El Chaiten zu fragen. Die Auskünfte waren allerdings nicht sehr befriedigend. Die Fähre fährt im März nur am Montag und Samstag – Problem für mich: Montag ist mir zu früh und bis Samstag will ich nicht warten. Für Motorräder war übrigens bis einschließlich 21. März bereits alles ausgebucht. Demzufolge bleibt nur die Möglichkeit über Futulafeu und Argentinien in die chilenische Schweiz (nördlich von Puerto Montt) zu gelangen. Es soll wenigstens ein landschaftlich reizvoller Umweg sein und auf der anderen Seite der Kordilleren ist auch das Wetter besser.
Danach trennten wir uns. Ich machte mich auf zum Fahrradladen. Da meine Kette bereits bedrohlich durchhing, sollte der Mechaniker mal nach dem Rechten schauen und vielleicht ein Kettenglied herausnehmen. Fachmännisch wurde die Situation geprüft und ein Teil der Kette entfernt. Jetzt war sie wieder richtig gespannt und ich trug mich noch in das Gästebuch ein. Am 22. Februar war auch Holger hier, dem eine neue Bremse angebaut wurde. Gegen Abend wurden noch die Lebensmittel für die nächsten Tage eingekauft und zusammen mit Reinhold ging es zum Essen. Wir trafen eine richtig gute Wahl, denn das Fleisch war wunderbar zart und die Soße schmeckte vorzüglich. Auch die Nachspeise (Kastanien mit Creme) mundete ganz vorzüglich. Abends unterhielt ich mich noch lange mit Nina. Sie ist Lehrerin aus Wuppertal und momentan in einem Sabbatjahr. Mit dem Fahrrad fährt sie alleine durch Südamerika und liebt Peru. Ihre Reise möchte sie bis Juli fortsetzen und soll möglichst in Kolumbien enden.

Coyhaique, die größte Stadt in der Region

Die Hauptverkehrsstraße von Coyhaique

17.03.2011 – Drei Feinde

Die ganze Nacht hatte es wieder geregnet (unglaublich!). Der Luftdruck war zwar seit gestern deutlich gestiegen, trotzdem schien die Sonne nicht. Der deutsche Spruch „auf schlechtes Wetter folgt gutes Wetter“ funktionierte in Chile bisher nur mit Einschränkungen. Aktuell passte wohl besser, das auf schlechtes Wetter meist noch schlechteres Wetter folgt. So wirkte es zumindest auf mich.
Gegen 11.00 Uhr verließ ich das Hostel und verabschiedete mich von Nina (die allein reisende Radlerin), Sabine und Oliver (die Camper). Es ging in die Stadt, wo ich mich noch etwas mit Christian und Reinhold unterhielt. Punkt 12 radelte ich in Richtung Norden los. Der erste Anstieg hinter Coyhaique verlief problemlos im herrlichsten Sonnenschein. Die Straße führte jetzt aber durch ein Flusstal und dort hingen dicke Regenwolken drinnen. Auf gut Deutsch bedeutete das für mich, etwa 50 Kilometer im kräftigen Regen zu radeln. Erst danach ließ es zögerlich nach. Auf dem Asphalt kam ich trotzdem gut voran und erreichte gegen 19.00 Uhr Manihuales. In einer Seitenstraße wartete bereits ein schönes Einzelzimmer mit heißer Dusche auf mich.
Kurze Zeit kam mir vor dem Haus Carlos aus Spanien entgegen. Er war im „Haus des Radfahrers“ abgestiegen. Jorge, ein netter Chilene, stellte hier einen großen Raum für Radfahrer auf Durchreise zur Verfügung. Hier kann man Schlafen, Kochen, Duschen, Reparaturen durchführen oder sich einfach mit gleich gesinnten unterhalten (sogar WIFI-Internet gab es). Es war eine Überraschung für mich, als ich Jan und Gregory sah, die hier einen Tag Pause einlegten. Natali, die Kolumbianerin, brach übrigens bereits gestern in Richtung Norden auf. Sie kaufte sich in Ushuaia für 100,- € ein Fahrrad und fährt jetzt damit in Richtung Kolumbien (Wahnsinn, oder?).
Momentan habe ich täglich mit drei Feinden zu kämpfen, die nicht immer in gleicher Intensität präsent sind – aber ganz in Ruhe lassen sie mich auch nicht – manchmal nerven sie so richtig. Es ist der Regen, der Wind und neu hinzugekommen auch der Rückflugtermin. Er klopfte in den letzten Tagen immer wieder auf meine Schulter und erinnerte mich, dass es nicht mehr lange bis zum 07. April ist. Mal sehen, ob die nächsten Tage mit neuen Feinden warten. Die „schlechte“ Piste ist momentan ja auf Urlaub und könnte in den nächsten Tagen auf jeden Fall zurückkommen. Auch mit weiteren „steilen“ Anstiegen und Pässen ist zu rechnen, die das Radfahrerleben schwer machen.

Nina, Oli und Sabine – Verabschiedung am Camper

Coyhaique aus der Ferne

Bei Sonnenschein würde ich nicht so ernst schauen

Bis Santiago schaffe ich es definitiv nicht mehr

18.03.2011 – Ich hasse dieses Wetter

In einem bequemen Bett schläft es sich in der Regel auch besonders gut und genau dies traf heute auf mich zu. Als ich das erste Mal auf die Uhr schaute, war es bereits 9.00 Uhr. So ein Mist! Es sollte doch früh losgehen. Egal, da die Wolken wieder tief im Tal hingen, konnte man auch nichts verpassen.
Lucy aus dem Café bereitete mir ein tolles Frühstück zu und das erste Mal auf dieser Reise gab es Rührei. Erst gegen 11.00 Uhr brach ich auf. Der Wind wehte forsch aus nördlicher Richtung und nach etwa 10 Kilometern setzte Nieselregen ein. Von der Landschaft gab es auch heute beinahe nichts zu sehen. Zu allem Unglück meckerte auch die Kamera. Die Elektronik spielte mächtig verrückt. Es ist wohl auf die hartnäckige Feuchtigkeit zurückzuführen, die jeweils an den Regentagen in die Vordertasche kroch und so am Folgetag die Kamerafunktionen beeinträchtigte.
Besonders störend wirkte sich heute eine Baustelle aus. Auf 20 Kilometern soll die Straße asphaltiert werden. Ich fuhr auf so einem neuen Stück und bemerkte zu spät, wie frisch an einem Abschnitt der neue Belag war. Als Folge davon klebten später am Rad, an den Taschen und auch der Hose viele kleine Teer-Steinchen, die hässliche Ölflecke hinterließen. Irgendetwas ist ja immer! Ansonsten war das wellige Profil einigermaßen gut zu fahren und später folgte auch wieder ein Abschnitt auf befestigtem Untergrund. Kurz vor dem nächsten Ort überholten mich Oli und Sabine im Camper. Gemeinsam machten wir eine kleine Pause und Jerome und Frederike aus Frankreich kamen auch noch dazu.
Aufgrund der widrigen Verhältnisse (es setzte wieder Regen ein – wie soll es auch anders sein!) beschloss ich in Villa Aminguales zu bleiben und suchte mir eine kleine Unterkunft. Die Betten befanden sich auch heute wieder im Wohngebäude der Besitzer und dank meiner spanischen Sprachkenntnisse kam ich sehr schnell mit der gesamten Familie ins Gespräch.

???, da stimmt was nicht mit dem Verkehrsschild!

Baustellen behindern meinen Weg

Welch Glücksmomente – Felszacken ohne Wolken

Ein Wiedersehen mit den Campern und zwei französischen Radlern

19.03.2011 – Ein steiler Pass und ein hängender Gletscher

Für den heutigen Tagesbericht werde ich einmal keine Kommentare zum Thema Wetter abgeben (es langweilt die Leser wahrscheinlich schon)!
Es klappte alles perfekt. Bereits um 7.00 Uhr war ich wach. Doch aufgrund einiger Umstände blieb ich noch ein paar Stunden im Bett liegen und verließ die Pension erst gegen 12.15 Uhr. Man musste ja nicht immer so früh losfahren. Eine späte Abfahrt hatte mittlerweile ja fast schon ihren besonderen Reiz.
Die Windstopper-Jacke blieb heute im Gepäck. Dafür zog ich gleich die dünne rote Jacke und die schwarze Überhose an. Es gab eben immer wieder Situationen, die eine solche Kleidung erforderten.
Neben den unzähligen fiesen und zermürbenden Zwischenanstiegen folgte am heutigen Tag der angeblich steilste Pass. Er war trotz schlimmster Erwartungen doch besser fahrbar, als ich dachte. Oben im Passbereich schwitze nicht nur meine Wenigkeit – nein auch der Himmel schwitzte in Strömen und dank der Ausdünstungen hüllte sich auch ein sehr schöner Gletscher in feuchten Dunst. Danach ging es über 13 Serpentinen bis an den Pazifik hinunter. Die Zwischenanstiege blieben mir dankenswerterweise bis zum Zielort erhalten.
Unterwegs kam noch ein Abzweig zu einem wirklich sehenswerten Naturschauspiel. Der „Ventisquero colgante“ oder auf Deutsch „der hängende Gletscher“ gab ein bedrohliches Bild ab. Er passte wirklich zur Landschaft, die in weiten Teilen sehr stark an ein Märchenland oder Fantasyfilm erinnerte. Es fehlten lediglich böse Drachen, die um die Ecke bogen, um mich zu erschrecken. Das Eis brach über einen Felsen in die Tiefe ab und zwei riesige Wasserfälle stürzten mit lautem Getöse ins Tal. Der Wanderweg führt durch dichten Regenwald und erinnerte eher an eine Dschungelexpedition – von den Temperaturen hatte es aber mit den Tropen wirklich nichts zu tun.
Danach ging es im Eiltempo nach Puyuhuapi, das ich erst in der Dunkelheit (21.30 Uhr) erreichte. An dieser Stelle einen großen Dank an das perfekte Licht meines treuen Fahrrads. Zu meinem Schrecken überfielen mich kurz vor dem Dorf noch zwei Hunde. Durch wildes Geschrei und übelster Schimpfwörter in spanischer Sprache konnte ich sie jedoch zum Teufel jagen.

Die Kirche von Villa Amengual

Bei schwitzendem Himmel wurde die Passhöhe erreicht

Sind das nicht riesige Rhabarberblätter?

Wasser kann man an den vielen Bächen auffüllen

Der hängende Gletscher

Was verspricht dieser Sonnenuntergang? Regen oder Sonnenschein?

20.03.2011 – Die Traumstraße entwickelt sich zur Alptraumstraße

Zum Wetter muss ich heute wieder etwas schreiben. Der absolute Tiefpunkt war wohl erreicht. Pünktlich zu meiner Abfahrt aus Puyuhuapi setzte heftiger Niederschlag ein, der von seiner Intensität ein noch nicht da gewesenes Maß erreichte. Zeitweise regnete es so stark, dass ich mein Regencape im Minutentakt vom Wasser leeren musste. Es dauerte nur wenige Minuten und alles war nass. So entschied ich mich, in La Junta nach 45 Kilometern anzuhalten und wieder ein Bett in einem Privathaus zu nehmen.
Landschaftsaufnahmen von der Strecke fehlen heute. Es lag einfach daran, dass die Wolkenuntergrenze nur wenige Meter über der Straße lag und so von der Natur überhaupt nichts sichtbar war außer Bindfäden aus Wasser.
Durch die anhaltende starke Feuchtigkeit wurden die Probleme mit der Fotokamera so groß, dass sie zeitweise gar nicht mehr funktionierte. Mittlerweile konnte ich aber wenigstens im manuellen Modus wieder die ersten Fotos machen. Den Abend wird das gute Stück wohl wieder in der Nähe des Ofens verbringen und an feuchten Tagen wird sie ab jetzt in eine Plastiktüte eingewickelt. Durch die Feuchtigkeit löste sich bereits auch der Ausdruck meines Flugtickets auf. Die Nässe kriecht hier einfach überall hin.
Egal wie das Wetter auch wird, morgen werde ich die letzten 70 Kilometer auf der Carretera Austral fahren, um dann nach Osten in Richtung Argentinien abzubiegen. Wettertechnisch kann es nicht schlimmer als heute kommen.

In Puyuhuapi

Das Ergebnis des gestrigen Sonnenuntergangs: Tiefe Wolken und einsetzender Regen

21.03.2011 – Der Alptraum geht weiter!!!

Der erste Tag verging, ohne dass ich auch nur ein einziges Foto geschossen habe. Die Fahrt ging heute nicht weiter, weil die Begleitumstände einfach zu widrig waren.
Bereits gestern gegen 20.30 Uhr hatte wieder kräftiger Regen eingesetzt, der auch aktuell noch immer anhält. Davor hatte es auch lediglich nur eine niederschlagsfreie Zeit von drei Stunden gegeben.
Wer es nicht selbst erlebt hat, kann wirklich nicht mitreden. So starke Niederschläge in Folge habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Es ist teilweise, wie ein Schauer, der nicht enden will. Deutschland wäre wahrscheinlich schon vollkommen abgesoffen. Da der Boden hier aber recht durchlässig ist und es nur wenige versiegelte Flächen gibt, kann wenigstens das Wasser gut abfließen. Das Barometer zeigt aktuell noch keinen steigenden Luftdruck. Die Wetterbeobachtungen im Internet lassen aber darauf schließen, dass es morgen etwas besser sein könnte.
Mit einem Spruch hatte ich übrigens recht: In Chile folgt auf schlechtes Wetter noch schlechteres Wetter.
Der nächste Spruch: Kräht der Hahn auf dem Mist, bleibt das Wetter, wie es ist – … und die Hähne haben mächtig gekräht!
22.03.2011 – Endlich wieder auf der Strecke
In der Nacht hatte es weiter kräftig geregnet und sogar ein Gewitter gegeben (das ist hier besonders selten und war auch das erste in dieser Saison). Selbst beim Frühstücken vielen noch Schauer, doch gab es auch erste Wolkenlücken am Horizont. Die Schneefallgrenze fiel in diesen Tagen wieder auf 600 Meter. Zum Glück musste ich heute nicht so hoch fahren.
Als der Regen aufhörte, ging es gleich los. Die Strecke hatte wieder die richtige Würze. Es war ein welliges Profil mit teilweise extrem steilen und schwer zu fahrenden Rampen. Dafür kam ich gut voran. Nach bereits einer Stunde warteten die ersten Schauerwolken auf mich und mein Regencape kam wieder zum Einsatz. Insgesamt zeigte sich aber auch für etwa 30 Minuten die Sonne. Die Kamera funktionierte wieder einwandfrei, nachdem sie zwei Tage neben dem Ofenrohr verbrachte. Nach guten 40 Kilometern war der erste Ort erreicht. Das Dorf hieß Vanguardia und bestand aus lediglich 8 Häusern. Im Supermarkt gab es eine sehr, sehr übersichtliche Auswahl mit Artikeln, die für mich alle unbrauchbar waren. Meine Vorräte füllte ich erst im 30 Kilometer entfernten Villa Santa Lucia auf. Dort kam es auch zu einem bewegenden Moment. Ich kehrte der Carretera Austral den Rücken zu und bog in ein Seitental in Richtung Futaleufu und Argentinien ab.
Die Piste war ab jetzt zwar nicht mehr von berauschender Qualität. Trotzdem lief es sehr gut und ich stoppte nach weiteren 30 Kilometern an einer Weggabelung. Morgen soll es weiter nach Futaleufu (oder wie es Nina schön in die deutsche Sprache übersetzte: Pfui Teufel) gehen. Dann sind es auch nur noch 10 Kilometer bis zur chilenisch / argentinischen Grenze und der Hoffnung nach besserem Wetter.

Abfahrt in La Junta

Endlich wieder: Moder-on-Tour

Vanguardia – das einsamste Dorf an der Strecke

Die Dorfkirche von Villa Santa Lucia

Ab Futaleufu sollte das Wetter besser werden

Mein Fahrrad und der Regenbogen

23.03.2011 – Neue Aufgaben sind zu lösen – Heute: Defekt an der Schaltung

Wie eigentlich jeden Tag fiel auch heute wieder reichlich Niederschlag. Es ließ auch erst nach etwa 2 Stunden nach, als es langsam auf Futaleufu zuging. Das war zwar sehr gut, schlecht war aber, dass ich jetzt einen sehr ernsten Defekt an meiner Schaltung hatte. Die Getriebenabe gab heftigste Geräusche von sich und das Knacken machte richtig Angst. Was wollte man aber in so einer Situation machen. Es gab ja weit und breit nichts und so fuhr ich einfach weiter.
Mit jedem Meter in Richtung Argentinien wurde es tatsächlich sonniger und die Geräusche an der Schaltung nahmen in gleichem Maße zu. Der Grenzübertritt war binnen weniger Minuten erledigt. Wie der chilenische Grenzpolizist mir mitteilte, passierte auch Jan ein paar Stunden vorher die Grenze. Jetzt folgte wieder die typische argentinische Piste: Viele Schlaglöcher, Wellblech, lose Steine – der geübte Radfahrer musste vollste Aufmerksamkeit walten lassen, um nicht zu stürzen.
Am Abend erreichte ich Trevelin. Auf der Suche nach einer preiswerten Unterkunft kam ich auch an einem Fahrradladen vorbei. Der Besitzer kümmerte sich rührend um mein Rad und ich ging in dieser Zeit in der Stadt spazieren und traf zufällig auch wieder die Camper Oliver und Sabine. Zusammen mit einem argentinischen Ehepaar verbrachten wir den Abend. Die größte Freude machte mir aber heute der Radmechaniker. Er reparierte ein paar Kleinigkeiten, sodass das Fahrrad jetzt wieder gut fährt und die Reise weiter gehen kann.
Für morgen ist übrigens in Argentinien kein Regen ;-) gemeldet.

Erste Wetterbesserung in Sicht

Kurz vor Futaleufu kam die Sonne heraus

Man beachte den wilden Apfelbaum in der Bildmitte – sehr schmackhafte Früchte

So eine Dämmerungserscheinung hatte ich lange nicht mehr zu sehen bekommen

Das Team vom Radladen in Trevelin

Ein ungewöhnlicher Radparkplatz

Mis derechos son mi libertad – Meine Rechte sind meine Freiheit

Schauen Sie sich auch die weiteren Teile des Südamerika-Tagebuchs an:

Teil 1: Buenos Aires und Feuerland
Teil 2: Von Punta Arenas bis El Chalten (inklusive Torres del Paine-Nationalpark und Nationalpark Los Glaciares mit dem berühmten “Perito-Moreno-Gletscher”)
Teil 4: Von Trevellin bis Osorno und Santiago de Chile

Teil 5: Osorno – San Martín de los Andes – Pucon – Santiago de Chile (2013)

Teil 6: Santiago de Chile – Mendoza – La Serena (2013)

Teil 7: La Serena – Copiapó – Tinogasta – Salta (2013)

Teil 8: Salta – San Pedro de Atacama – Calama und Santiago de Chile (2013)

Ich unterstütze weiterhin bedürftige Kinder in der Ukraine. Wem das Tagebuch gefallen und vielleicht ja auch noch einen Euro übrig hat, darf gerne für meine humanitären Hilfsprojekte in der Ukraine spenden. Eines kann ich auf jeden Fall garantieren: Jeder gespendete Cent kommt zu 100 % bei den bedürftigen Kindern an. Darüber hinaus werde ich auf dieser Seite und natürlich auch auf der Seite des Vereins Kinderherz Untermain e. V. (www.kinderherz-untermain.de) berichten.

 

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