Tagebuch Teil 2: Punta Arenas bis El Chalten – 2011

14.02.2011 – Zu Besuch bei den Pinguinen

Erst am späten Vormittag ließ der Regen nach – der Sturm blieb und so konnten wir den ganzen Tag Böen bis 100 Kilometer pro Stunde genießen. Nach einer kurzen Stadtbesichtigung stand eine Überprüfung der Fahrräder auf dem Programm. Auf den ersten Blick schienen sie die Schotterstrecken gut überstanden zu haben. Einige Schrauben wurden angezogen und die Kette geölt.
Nachmittags fuhren wir mit einem Sammeltaxi an den Fährhafen, um einen Ausflug auf die Insel Magdalena zu unternehmen. Hier leben von September bis März etwa 65.000 Pinguin-Pärchen, die man aus allernächster Nähe fotografieren kann. Sie sind etwa 40 Zentimeter groß und beglückten die Besucher mit lautem Geschrei und lustigen Posen. Während des südamerikanischen Winters machen sie sich auf, um über Argentinien und Uruguay an die südbrasilianische Küste zu schwimmen. Für uns waren es bewegende Augenblicke, denn so nahe kommt man nur selten an die süßen Vögel heran.

Auf dem Plaza de Armas in Punta Arenas

Am Fährhafen von Punta Arenas

Großes Geschrei bei unserer Ankunft

Michael mit seinem Lieblingspinguin

Drei Freunde

Die Pinguinkolonie im Ostteil der Isla Magdalena

15.02.2011 – Die Grenze der Fahrbarkeit ist erreicht

Als wir heute früh starten wollten, fing es an zu regnen. Es war zum Glück nur ein längerer Regenschauer und so ging es gegen 9.30 Uhr in Richtung Puerto Natales los. Da es nicht klar war, ob es auf der Strecke Unterkunftsmöglichkeiten gibt, deckten wir uns im Supermarkt mit ausreichender Verpflegung und Getränken ein. Leider hatte der Wind wieder sehr stark zugenommen. Bereits in der Stadt gab es die ersten Probleme mit Böen, die mit jeder Minute an Intensität zunahmen. Mal kam der Wind schräg von vorne, mal zur Abwechslung voll von der Seite. Das Fahrradtachometer zeigte nur noch in Ausnahmefällen 10 Kilometer pro Stunde an. Im Tagesverlauf wurde der Wind so stark, dass er uns zeitweise regelrecht von der Straße in den Seitenstreifen wehte. Einige Passagen von mehreren Kilometern legten wir aus Sicherheitsgründen schiebend zurück. Man kann diese Art von Wind einfach nicht beschreiben – man muss ihn erlebt haben! Es ist wie ein Sturm, der einfach nicht aufhören will – und er bläst ohne Unterbrechung!
Von mehreren Leuten wurde uns erzählt, dass an der Straßenkreuzung bei Kilometer 50 eine Cafeteria und eine Tankstelle existieren sollte. Weit gefehlt! Die Tankstelle gab es zwar. Vom Stil erinnerte sie eher an einen schlechten Westernfilm der 60er Jahre. Die Cafeteria war seit Jahren geschlossen und ein recht unfreundlicher Mensch rief seine Hunde nicht zurück, sodass wir uns in ein nahes Wartehäuschen verzogen, um dort zu rasten. Die Devise hieß also Weiterfahren. Ob das Radfahren bei Windgeschwindigkeiten von 100 Kilometern pro Stunde (das ist nicht übertrieben und wurde uns von mehreren unabhängigen Personen bestätigt) sinnvoll ist, steht in den Sternen. Zum Verweilen gab es für uns aber keinen Platz. Am Abend errichteten wir das erste Zeltlager an einem geschützten Platz etwas abseits der Hauptstraße. Als das Zelt stand, ließ der Wind nach. Er blies auch die ganze Nacht nicht.
Durchschnittsgeschwindigkeit auf 77 Kilometern – 10,4 Kilometer pro Stunde (unglaublich, oder?)

Michael kämpft gegen den Wind

Stürmische Rast am Straßenrand

Zeltlage bei Straßenkilometer 74

“Das letzte Abendmahl”…

16.02.2011 – … und der Alptraum geht weiter!

Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns bereits gegen 8.00 Uhr auf die Strecke. Wer hätte es gedacht. Pünktlich zur Abfahrt setzte auch der Wind wieder ein und nahm mit der Zeit an Stärke zu. Nur langsam kamen wir voran und erreichten nach etwa 27 Kilometern und etwas mehr als 2 Stunden den ersten Ort zwischen Punta Arenas und Puerto Natales. Wir stärkten uns mit heißer Schokolade und einem für Chile typischen Sandwich.
Zur nächsten Einkehrmöglichkeit fehlten 40 Kilometer, die es auch heute wieder in sich hatten. Ein sehr welliges Profil und (jeden Tag das selbe) auflebender Wind machten uns erneut zu schaffen. Auch heute waren wieder Reiseradler in umgekehrter Richtung unterwegs. Wir trafen auf Hendryk aus Litauen und ein junges Pärchen aus Aachen, mit denen wir uns länger unterhielten und wichtige Informationen austauschten. Für Michael wurde die Etappe zur Hölle. Sein Knöchel begann zu schmerzen und mit jedem Kilometer wurde es schlimmer. So entschied er sich, bei Morro Chico auf den Bus umzusteigen. Nach einer kleinen Stärkung in der Bar mit den sympathischsten Leuten in Chile machte ich mich alleine auf, um den nächsten Haltepunkt in 45 Kilometern Entfernung zu erreichen. Der Wind war nicht auf meiner Seite und so waren die ersten 35 Kilometer wieder ein Höllenritt, der unmenschliche Anstrengungen abverlangte. Auf halber Strecke passierte mich ein großer Wagen, aus dem Michael freundlich zuwinkte. Er hatte also eine Transportmöglichkeit nach Puerto Natales gefunden.
Die schneebedeckten und steil aufragenden Berge kamen immer näher und gegen 20.10 Uhr hatte ich nach guten 113 Kilometern meine Übernachtungsstelle (ein nettes Hotel mit großem Zimmer – dort konnte ich das Zelt trocknen!) erreicht.

Nandus am Straßenrand

Ein typisches Wartehäuschen

Martin kämpft gegen den Wind

Jetzt haben wir auch Alpacas gesehen

Die netten Wirtsleute der Cafeteria “Morro Chico”

Obligatorische Schneekettenpflicht – ein Witz oder Ernst?

17.02.2011 – Endlich in Puerto Natales

Michael wartete bereits in Puerto Natales auf mich. Mir blieb nichts anderes übrig, als nochmals gegen den Wind zu kämpfen. Dies war anfangs gar nicht so einfach, da es eine aufziehende Regenfront zu umfahren galt. Es gelang unter massiven Einsatz von Kräften. Glücklicherweise fehlten nur noch 65 Kilometer, die ich in etwa 5 Stunden zurücklegte. Vom Streckenverlauf und vom Wind gab es nichts Außergewöhnliches zu berichten. Es war im Großen und Ganzen wie in den letzten beiden Tagen.
Ich war richtig stolz, als ich Puerto Natales am Horizont auftauchen sah. Bei der Einfahrt in den Hafen traf ich auch gleich auf Michael, der bereits eine schicke Unterkunft reserviert hatte.
Puerto Natales ist ein kleines Städtchen, das uns beide vom Stil so ein wenig an eine Ortschaft in Alaska erinnerte. Die Stadt liegt am Wasser und hat durch Inseln hindurch einen offenen Zugang zum Pazifik. Sehenswertes gibt es eigentlich nicht. Nur der Ausblick in die rauen und schneebedeckten Felsgipfel hat uns gefallen. Dafür wimmelte es nur so von Touristen, denn der Ort ist Ausgangspunkt für Ausflüge in den Nationalpark „Torres del Paine“. Einige Leute vergleichen das Bergmassiv mit den „Drei Zinnen“ in Italien. Von den Dimensionen sollte man es sich aber so vorstellen, dass die Felswände dreimal höher sind und der Gebirgszug ebenfalls deutlich größer ist. Davon mehr in den nächsten Tagen.

Ein Tor zum Ende der Welt

Blick auf Puerto Natales

Unterwegs in Puerto Natales

Ein etwas anderer Mülleimer

Ein Angler bei der Arbeit

Interessante Wolkenstimmung in Puerto Natales

18.02.2011 – Auf geht´s – Wandern ist angesagt

Nach einer ruhigen und sehr angenehmen Nacht ließen wir es heute ruhig angehen. Auf dem Programm stand, die Sachen für die Wanderung zu packen. Alle Dinge, die wir nicht brauchten, blieben im Hotel. Auch die Fahrräder bekamen eine schöne Unterkunft. In einem Vorraum des Hotels konnten sie aus dem Fenster schauen und die Touristen bewundern – oder umgekehrt!
Gegen 14.00 Uhr wurden wir von einer Limousine abgeholt und zum Reisebus gebracht. Es dauerte noch zwei Stunden, bis die etwas beschwerliche Strecke in den Nationalpark hinter uns lag. Glücklicherweise waren die Räder im Hotel. Die Schotterpisten waren wieder mit vielen Rippen durchsetzt und hätten sich nur schlecht und langsam fahren lassen.
Am frühen Abend war der Einlass des Nationalparks erreicht. Nach der Entrichtung einer Gebühr von umgerechnet fast 25,- € (das ist kein Witz!) durften wir endlich eintreten und los wandern. Über mehrere leichte Hügel führte der Weg zunächst an einem großen Hotelkomplex vorbei. Danach folgte ein recht strammer Aufstieg in ein Tal hinein. Vorbei ging es an der „Chile-Hütte“ und weiter durch ursprünglich erhalten gebliebenen Südbuchenwald. Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit hatten wir den Lagerplatz erreicht und im allerletzten Licht wurde das Zelt direkt neben einem kleinen Bach errichtet. Bachrauschen zum Einschlafen wurde als Zugabe inklusive geliefert.

Die erste Brücke ist überquert

Erster Blick auf das Gebirgsmassiv

Die Sonne geht unter – die Schatten werden lang

Unberührte Bergbäche – eine beliebte Frischwasserversorgung

19.02.2011 – Stippvisite bei den “Torres”

Heute machten wir uns bereits um 5.30 Uhr auf, um ein besonderes Spektakel mitzuerleben. Zusammen mit weiteren 100 Leuten (wahrscheinlich der komplette Campingplatz) stiegen wir in absoluter Dunkelheit und nur mit dem Licht unserer Stirnlampen zum Mirador „Las Torres“ auf. Es ist wohl der Platz, wo man die „Torres“ (auf Deutsch die Türme) am besten sehen kann. Kurz vor Sonnenaufgang waren erreichten wir den Aussichtspunkt und konnten den Blick auf die über 2.000 Meter aufragenden Granitfelsen genießen. Leider waren am Himmel noch einige Schleierwolken, sodass uns die flammende Bestrahlung durch die aufgehende Sonne verwehrt blieb. Doch die Geduldigen bekamen doch noch etwas zu sehen. Wie als hätte jemand den Lichtschalter angeschaltet, begannen die Türme von einem auf den anderen Moment in gleißend goldenem Licht zu erstrahlen. Das Warten und Frieren hatte sich also gelohnt. Danach erfolgte der Abstieg zum Zeltlager.
Im weiteren Tagesverlauf wanderten wir über den Höhenweg in Richtung der bekannten „Felsenhörner“. Normalerweise werden die Wanderer hier vom Wind im wahrsten Sinne des Wortes verblasen. Heute war aber alles anders. Bei Sonnenschein und Temperaturen von über 20 Grad war es absolut windstill – unglaublich! Gegen Abend erreichten wir unseren Zeltplatz direkt unterhalb der steilen Felswände und konnten noch eine herrliche Dämmerungserscheinung bewundert. Ein traumhafter Bergtag im Nationalpark „Torres del Paine“ ging zu Ende.

Die “Torres” im schönsten Licht

Das erste Traumziel ist erreicht

Rast auf dem Höhenweg

Für uns die schönste Blüte im Nationalpark

Absacker-Bierchen vor traumhafter Kulisse

Abendstimmung am Zeltplatz

20.02.2011 – Zurück nach Puerto Natales

Leider hatte Michael noch immer Probleme mit seinem Knöchel und so entschieden wir uns, die Wanderung bereits vorzeitig zu beenden und zum Pehoe-See abzusteigen. Nach einem fantastischen Sonnenaufgang ging es zunächst an einem riesigen See vorbei. Immer wieder öffneten sich neue atemberaubende Ausblicke auf die Berge. Der schneebedeckte Teil des Gebirges lag jetzt zum Greifen nah und immer wieder konnte man das Grollen der Gletscherlawinen hören, die vom höchsten Punkt des Massivs nach unten stürzten. Vom Pehoe-See fuhren wir mit einem Katamaran zu einer Bushaltestelle. Nach kurzem Umsteigen konnte wir die Rückfahrt nach Puerto Natales antreten.
Nach der Ankunft im Hotel duschten wir uns ausgiebig und nutzten die verbleibende Zeit zum Wäsche waschen. Es war so heiß (24 Grad), dass die Bewohner von Puerto Natales bereits über die Temperaturen klagten und Abkühlung im recht kühlen Wasser des Pazifiks suchten. Wie sollte es anders sein. Kaum waren wir im Hotel setzte auch der Wind wieder ein. Er war wieder da – nicht so stark wie in den vorangegangenen Etappen, aber heute nützte er uns. Die Wäsche wurde durch ihn innerhalb von zwei Stunden trocken.
Die nächste Etappe nach El Calafate werde ich alleine mit dem Fahrrad zurücklegen. Michael wird mit dem Bus fahren und sich Gedanken darüber machen, ob und wie er die Reise fortsetzt. Da es nach El Calafate gute 250 Kilometer sind, wird die nächste Aktualisierung wieder ein paar Tage auf sich warten lassen.

Monduntergang über den eisigen Gipfeln

Martin am Eingang zum Franzosen-Tal

Eine Südbuche über dem Pehoe-See

Traumhafter Gipfelblick

21.02.2011 – Rekordjagd nach Kilometern

Michael hat die Reise leider abgebrochen. Er wird von Puerto Natales aus versuchen, den Gletscher „Perito Moreno“ in Argentinien zu besuchen und danach (sofern möglich) mit dem Schiff nach Puerto Montt zu gelangen. Von Puerto Montt möchte er über Santiago de Chile vorzeitig zurück nach Deutschland fliegen.
Meine Reise musste aber weitergehen und so bestieg ich bereits um kurz vor halb neun das Fahrrad, um mich auf den Weg in das etwa 275 Kilometer entfernte El Calafate in Argentinien zu machen. Die Chefin unserer Unterkunft sagte mir, dass es außer einer Tankstelle nichts gäbe und sie hatte natürlich recht. Der Tag begann wunderbar sonnig und es wurde mir nicht klar, warum es heute so prima rollte. Wollten mich irgendwelche magischen Kräfte aus Chile fortloben oder drückten einfach nur genug nette Menschen die Daumen für guten Wind? Ich konnte es nicht sagen. Fakt war aber, dass ich bis zur chilenisch / argentinischen Grenze bei leichtem Rückenwind und sommerlichen Temperaturen eine exzellente Durchschnittsgeschwindigkeit von 19.5 Kilometer pro Stunde halten konnte. Dazu kam eine herrliche Landschaft und später immer wieder Blicke auf das „Torres del Paine“-Massiv. Auch die Grenzabfertigung in beiden Ländern klappte heute vorzüglich. Argentinien erwartete mich gleich mit ordentlichen Anstiegen auf Schotterpisten. Am höchsten Punkt stieß ich auf die berühmte Ruta 40 und mit weiterhin hoher Geschwindigkeit ging es in Richtung Tankstelle im vierzig Kilometer entfernten Tapi Aike. Direkt bei Erreichen der Tankstelle bemerkte ich, dass der Hinterreifen Luft verlor. Das Problem war binnen 20 Minuten gelöst. Von hier warteten jetzt etwa 60 Kilometer Piste in bisher schlechtestem Zustand. Viele Steine, unzählige Rippen und die langweiligste Landschaft der gesamten Tour begleiteten mich fortan. Der Platten war zwar geflickt, dennoch verlor der Reifen weiterhin Luft. Nach knapp 10 Stunden Fahrt und guten 160 Kilometern schwanden meine Kräfte zusehends und ich hielt nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau. Im letzten Licht des Tages baute ich das Zelt auf, schrieb mein Tagebuch und legte mich schlafen. Über die Hälfte der notwendigen Kilometer nach El Calafate war bereits geschafft. Zum Glück!!!

Die Idylle trügt – vermintes Land!

Das Rad mit dem “Torres del Paine”-Massiv im Hintergrund

Grauenhaft Piste – langweilige Landschaft

Das erste Nachtlager in Argentinien

22.02.2011 – Wind, Regen und ein platter Reifen – … alles was ein Fernradfahrer so braucht

Die Nacht war windstill und regnerisch. Zu allem Unglück hatte auch der Hinterreifen weiter an Luft verloren und so war ich bereits morgens mit Pumpen beschäftigt. Über die Schotterpiste ging es die verbleibenden 24 Kilometer zur nächsten Straßenkreuzung. Außer einem verwaisten Haus gab es hier wieder nichts. Erneutes Aufpumpen wurde dafür notwendig und der Takt verkürzte sich zusehends. Zudem setzte zeitweiliger Regen ein. Es kam heute aber auch alles zusammen. Was sollte ich tun? Ich entschied mich für einen Wechsel des defekten Schlauchs und musste das Hinterrad komplett ausbauen. Zum ersten Mal bei dem neuen Fahrrad und es gelang absolut ohne Probleme. Beim Losfahren bemerkte ich aber, dass die Schaltung nicht funktionierte. Oh je, aber auch das war kein Problem, denn lediglich ein Bajonett-Verschluss der Schaltseile hatte sich aus der Verankerung gelöst und binnen 10 Sekunden war auch dieses Problemchen gelöst. Sollte ich vom Verwaltungsbeamten doch noch zum professionellen Fahrradtechniker mutieren. Wer weiß, ein erster Anfang war zumindest gemacht. Der Schlauchwechsel war genau die richtige Entscheidung, denn so konnte ich das kraftraubende Streckenprofil ohne weitere Zwischenfälle bewältigen. Es wurde ziemlich kühl und der Regen stärker. Ein Blick auf den Höhenmesser brachte das Ergebnis. Über viele kleine Buckel war ich mittlerweile auf eine Höhe von über 800 Metern angekommen. Der weitere Reiseverlauf durch die wohl langweiligste und sehr monotone Steppenlandschaft von Südamerika verlief ohne weitere Vorkommnisse und gegen 18.00 Uhr war El Calafate erreicht. Ein hartes Stück Arbeit mit vielen kleinen Hindernissen lag hinter mir, die glücklicherweise alle zum Guten gelöst werden konnten.
Am Abend hatte es sich eingeregnet. So ging ich in das nächstgelegene Restaurant an der Ecke. Als Spezialität wurde frisches Schafsfleisch vom Grill angeboten. Mit der leckeren Sauce „Chimichurri“ war es wieder ein Hochgenuss für die Sinne. Zweifelsfrei scheint es in Argentinien das beste Schaffleisch der Welt zu geben (in Chile hatte ich es bisher noch nicht probiert!).

Auch der Regen gehört dazu

Monotone Landschaften bis zum Horizont…und ein bißchen weiter

23.02.2011 – Ausruhen in El Calafate

Vom heutigen Tag gab es nicht sehr viel zu berichten. Ich schaute mir ein wenig die Stadt an und organisierte eine Fahrt zum Perito-Moreno-Gletscher. Da man in der Nähe nicht zelten darf und der nächste Campingplatz 60 Kilometer entfernt ist, machte es keinen Sinn, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Eine Fahrt mit dem Bus war die einzige sinnvolle Alternative. Die verbleibende Zeit nutzte ich zum Beantworten von E-Mails, erweitern der Internetseite (die Empfehlungen von unterwegs sind jetzt auch eingetragen) und fotografieren der Stadt vom Seeufer aus.

Zelttrocknen in der Unterkunft

Das Zentrum von El Calafate

Viele Geschäfte für unzählige Touristen

Blick vom Lago Argentino auf die Stadt

24.02.2011 – Besuch beim Gletscher

Um 08.30 Uhr setzte sich der Bus in Bewegung, der mich in den Nationalpark „Los Glaciares“ brachte. Bereits vor dem Gletscher gab es immer wieder lohnende Fotoeinstellungen. Da merkte man erst einmal, wie unabhängig eine Reise mit dem Fahrrad ist. Der Bus fuhr und fuhr und fuhr und vernünftige Fotos waren Fehlanzeige. Irgendwann reichte es mir. Als der Bus an einem Schiffsanleger anhielt, stieg ich aus und kämpfte mich auf eigene Faust zum Gletscher. Es waren wohl etwa 10 Kilometer Fußweg. Günstige und lohnende Fotoeinstellungen entschädigten aber für den längeren Marsch.
Der Perito-Moreno-Gletscher ist gigantisch groß. Wenn mal alle Gletscher der Alpen zusammennimmt, wäre die Eisfläche immer noch viermal größer. Am Ende mündet eine 60 Meter hohe Eiswand in den Lago Argentino. Diese Eiswand ist vier Kilometer lang und geduldige Personen können das Naturschauspiel erleben, wie immer wieder größere Eisbrocken abbrechen und in den See stürzen.
Ich positionierte mich an einer scheinbar günstigen Stelle und wurde nach etwa einer Stunde belohnt. Binnen 30 Sekunden brach in zwei Teilen eine Eisfläche von etwa 250 Meter Länge in sich zusammen. Die Kamera kam mit dem Abspeichern der Fotos nicht mehr nach. Immer wieder ergaben sich neue Szenarien, die ich auf Digitalbilder festhalten wollte. Einige gute Schüsse von der herabstürzenden Wand sind mir aber trotzdem gelungen. Diese Bilder gibt es aber erst bei meinem Patagonienvortrag für die Öffentlichkeit zu sehen. Man soll es kaum glauben: Michael war gestern mit dem Flugzeug auf dem Weg nach Santiago de Chile und ich sah seinen Flieger am Horizont über das südliche Eisfeld fliegen. Wie er mir per E-Mail mitteilte, war es der schönste Flug seines Lebens und er konnte viele spektakuläre Fotos schießen (er von oben, ich von unten). Gegen 17.00 Uhr ging es wieder zurück nach El Calafate.
Am Gletscher traf ich auch auf Christian und Reinhold aus Deutschland, die mit dem Motorrad unterwegs sind und wir schon auf der Fähre von Porvenir nach Punta Arenas kennengelernt hatten. Sie luden mich spontan für den Abend zum Grillen ein. Es gab fantastische Lammkeule mit selbst gemachten Bratkartoffeln und Salat. Das war ein wirklich schöner Ausklang für so einen spektakulären Tag. Wir unterhielten uns bis spät in die Nacht und verabredeten uns für El Chalten (da will ich in zwei Tagen sein).

Seltsame Wolkenformationen über Patagonien

Die Calafate-Beere wächst überall in den Bergregionen Patagoniens

Die Südflanke des Gletschers

Wilder Gletscher

Auf den Aussichtsbalkonen

Selbstportät – Wie man sieht, geht es mir gut.

25.02.2011 – Der Wind ist zurück – jetzt noch heftiger wie vorher

Zu meinem nächsten Ziel (El Chalten) sind es etwa 225 Kilometer. Es waren ab Mittag Windböen bis 60 Kilometer pro Stunde gemeldet und es sollte trocken bleiben. Da 60 Kilometer Windgeschwindigkeit nicht mehr so schlimm war, brach ich gegen 9.30 Uhr auf, um zumindest die erste Hälfte von 110 Kilometern zu absolvieren. Es bewölkte sich sehr schnell und bereits nach etwas mehr als einer Stunde setzte leichter Regen ein. Das hatte ja gerade noch gefehlt. Zum Glück war es noch nicht windig. Dies änderte sich aber schlagartig, als ich wieder auf die Ruta 40 abzweigte und in Richtung Norden fuhr. Minütlich verstärkte sich der Wind, bis er wieder zu einem kräftigen Sturm herangewachsen war.
Der Wind traf mich schräg von vorne und teilweise direkt von der Seite. Es war wieder die Hölle. Die Böen wurden so stark, dass sie mich mehrfach „aus der Bahn warfen“ und mich im Schotterstreifen neben der Straße landen ließen. Der Wind pfiff in meinen Speichen wieder ein rhythmisches Lied. Immer wieder setzte leichter Regen ein. Die Böen wurden so stark, dass ich mein Fahrrad an exponierten Stellen schieben musste und selbst das gelang später nicht mehr. Also war Warten am Straßenrand angesagt. Sobald der Wind etwas abflaute, versuchte ich wieder ein paar Meter zurückzulegen und so ging das mehrere Stunden lang. Trotzdem waren gegen Abend 110 Kilometer (also genau die Hälfte) absolviert. Es gab hier draußen sogar ein Hotel. Das Zimmer war mit umgerechnet 50,- € aber zu teuer und so baute ich in einem von Pappeln geschützten Bereich mein Zelt auf. Auf freier Fläche würde es wahrscheinlich das Zelt in tausend Stücke reisen.
Windaussichten: In der Nacht deutlich abflauend und morgen nur noch schwacher Wind bis maximal 20 Kilometer die Stunde. Da sollten die letzten 110 Kilometer nach El Chalten doch zu schaffen sein. Cerro Torre und Fitz Roy (Cerro Chalten) ich komme ;-).

Unterwegs in der Pampa

Interessante Felsformationen am Wegesrand

Ein Verkehrszeichen spricht Bände – Seitenwind

Die argentinische Version von Steinschlaggefahr

26.02.2011 – Im Banne der Granitriesen

Über Nacht hatte der Wind tatsächlich stark nachgelassen. Dafür wurde es frisch. Am Morgen zeigte das Thermometer meiner Uhr nur noch 6,3 Grad im Zelt an. Nach einem schnellen Frühstück machte ich mich gleich auf, um die nächsten guten 115 Kilometer in Angriff zu nehmen. Bereits kurz nach dem Start tauchten im Hintergrund meine Tagesziele auf. Der Cerro Torre und der Fitz Roy (Cerro Chalten) leuchteten im Frühdunst. Leider zogen im Tagesverlauf Wolken auf und verhinderten so den freien Blick auf die Berge. Der Wind wehte nur sehr schwach schräg von Vorne und ich konnte so richtig kräftig in die Pedale treten.
Bereits am frühen Nachmittag erreichte ich El Chalten. Es ist nur ein kleiner Ort, der vom Bergtourismus lebt und erst Mitte der 80er-Jahre gegründet wurde. Als Übernachtungsmöglichkeit suchte ich mir ein Hostel, da in den nächsten Tagen Bergtouren anstehen und dort mein Fahrrad sicher steht. Derzeit ist geplant, dass ich die Bergtouren mit den zwei deutschen Motorradfahrern Christian und Reinhold unternehme.
Für mich geht es erst am Freitag von El Chalten auf einem abenteuerlichen Grenzpfad nach Chile. Von matschigen Wegteilen und Flussdurchquerungen wurde mir bereits berichtet. Das Gepäck muss komplett in den Rucksack, um das Fahrrad möglichst leicht zu haben. Über einige Passagen kann es nur getragen werden. Nach 7 Kilometern ist die Passhöhe erreicht und auf der chilenischen Seite warten 15 Kilometer Abfahrt bis zu einem Bauernhof am See. Hier ist wohl pures Abenteuer garantiert.

Das Ziel ist (fast) in Reichweite

Ein Blume versucht im kargen Kiesbett neben der Straße zu überleben

Am Straßenrand

Das sind die Granitriesen – Cerro Torre und Fitz Roy (Cerro Chalten)

27.02.2011 – Regen, Regen, Regen

Bezüglich des Wetters gab es heute wirklich nichts anderes zu sagen. Es regnete den ganzen Tag. Trotzdem wollte ich den Tag nicht verschenken und verabredete mich mit Christian zu einer dreitägigen Wandertour durchs Gebirge. Irgendwann musste das Wetter ja auch mal wieder besser werden.
Zumindest heute gab es keine Wetterbesserung und so stiegen wir im strömenden Regen in Richtung Laguna de las Torres auf und errichteten unser Zeltlager im Campamento De Agostini. Da der Niederschlag einfach nicht aufhören wollte, mussten wir sogar im Zelt kochen. Es gab Nudeln mit Bolognese-Soße – bei diesem „Sauwetter“ ein absoluter Hochgenuss.

Christian und Martin sind auch trotz Regen in guter Laune

Organisiertes Chaos im Vorzelt

28.02.2011 – Versteckspiel in den Bergen

Geplant war, dass wir früh aufstehen und uns einen Sonnenaufgang an der Lagune mit der Granitnadel Cerro Torre anschauen. Aber es kam anders und um 6.30 Uhr fielen noch immer Regentropfen auf unser Zelt, sodass wir einfach liegen blieben. Erst gegen 10.00 Uhr wurde das Wetter zögerlich etwas besser. Wir krochen aus dem Zelt hervor und konnten zumindest einen ersten Regenbogen fotografieren. Der Cerro Torre versteckte sich aber weiterhin im dichten und mit Schauern versetzten Wolkenkleid.
Gegen 13.00 Uhr brachen wir in Richtung Campingplatz „Rio Blanco“ auf, um unser Glück am Fitz Roy zu versuchen. Der Weg führte wieder durch herrliche Südbuchenwälder und an zwei Lagunen vorbei. An diesen Lagunen begann der Wind wieder in besonderem Maße aufzuleben. Es begann zu regnen, obwohl blauer Himmel über uns war. Dieses Schauspiel konnte ich bisher nur in Patagonien bewundern. Der Niederschlag der Schauerwolke wurde über mehrere Kilometer bis zu uns transportiert. Leider wollten sich die Wolken auch hier nicht richtig auflösen und wir mussten uns mit einigen Vorgipfeln des wohl mächtigsten frei stehenden Granitberges der patagonischen Anden zufriedengeben. Zum Abend hin wurde der Wind wieder deutlich stärker. Sicherlich betrugen die Windgeschwindigkeiten über 100 Kilometer die Stunde, denn selbst beim Gehen bekamen wir ernste Schwierigkeiten und machten ungewollte Ausfallschritte (als ob wir übermäßige Mengen an Alkohol konsumiert hätten).

Ein erster Regenbogen verspricht nachlassende Niederschläge

Christian beim Nachtanken von frischem Wasser

Ein traumhafter Bergsee

Ein Vorgipfel vom Fitz Roy

Radler Martin und die drei Motor-Biker

Unser Abendmenü

01.03.2011 – Der Niederschlag ist unser bester Freund

In der Nacht begann es in einem Maße zu stürmen, wie es Christian und ich noch niemals erlebt hatten. Selbst im geschützten Wald begann unser Zelt in bedenklichem Maße zu wackeln. Durch die Bäume konnte man den Wind richtig hören und die Böen hatten wohl Orkanstärke. Mitten in der Nacht ließ der Sturm nach und kräftiger Dauerregen setzte ein. Als der Wecker zum Sonnenaufgang klingelte, prasselten wieder die Tropfen aufs Zelt und wir konnten unbesorgt bis 9.30 Uhr ausschlafen. Danach gab es ein leckeres Frühstück und der Abstieg wartete bereits. Da es regnete und die Sicht sehr eingeschränkt war, verzichteten wir auf den Aufstieg zum wohl schönsten Aussichtspunkt für den Fitz Roy. Zu sehen war er ja ohnehin nichts.
Beim Abstieg kamen bereits wieder die Tagestouristen entgegen, die in völlig falscher Ausrüstung in den Bergen unterwegs waren. Kurz Hosen, Sandalen etc. waren nur einige Dinge, die hier oben sehr gefährlich werden können. Eine gezielte Bergrettung mit Helikopter (wie man es aus den Alpen kennt) gibt es hier nicht. Kurz vor El Chalten hörte der Regen schließlich auf. Hoffen wir, dass das Wetter in den nächsten zwei Tagen noch wenigstens einen schönen Sonnenaufgang zulässt. Ich bin bereit bei einsetzender Dämmerung aufzusteigen und traumhafte Bilder zu schießen. Augenblicklich reist der Himmel zumindest auf. Ein gutes Zeichen?
Jetzt bin ich einen Monat unterwegs. Fazit: Ich vermisse NICHTS!!! – mit meiner Familie in Deutschland und Kuba stehe ich ja regelmäßig in Kontakt ;-).

Das hätte von uns sein können

Erste Aufheiterungen in El Chalten

02.03.2011 – Wandern am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Kummer und Sorgen hatte ich eigentlich ja nicht. Die herrlichen Berge sollten aber doch bei Sonnenlicht und ohne störende Wolken abgelichtet werden. So hieß es bei sternenklarem Himmel bereits um 5.30 Uhr in absoluter Dunkelheit mit Stirnlampe loslaufen. Da um diese Zeit noch keine anderen Wanderer unterwegs waren, kam ich zügig voran. Nach einer ¾ Stunde wurde erstmals der Blick auf das Massiv am Cerro Torre frei. Es war fantastisch. Die Berge leuchteten blau im ersten Morgenlicht – absolut wolkenfrei. Ohne Stativ kann man diese traumhaften Momente leider nicht festhalten und erst an der Lagune gab es ausreichendes Fotolicht. Leider waren zu diesem Zeitpunkt bereits die ersten Wolken aufgezogen, die die Fotos vom Cerro Torre nur im dicken Wolkenkleid zuließen.
Was konnte man mit einem angebrochenen Tag noch machen. Am besten zum Fitz Roy weiterwandern, der bei meiner Ankunft aber bereits auch völlig von Wolken verhüllt war. Ein wenig enttäuscht begann ich mit dem Abstieg. Immer mal wieder gab es einen Blick zurück und siehe da … – auf einmal kam Bewegung in die Wolken am Berg. Ich setzte mich hin und wartete gute zwei Stunden, bis der Fitz Roy in schönstem Fotolicht fotografiert werden konnte. Mir wurde aber auch klar, warum die Indianerstämme diesen Berg Cerro Chalten (den „rauchenden“ Berg) nannten. Die Wolken drehten und wendete sich so lange, bis es aussah, als würde der Berg tatsächlich rauchen (die wolkenfreien Fotos werden leider nicht auf meiner Homepage veröffentlicht und sind später nur im Rahmen eines Vortrags zu sehen). Etwa für fünf Minuten zeigte sich der Berg völlig frei, um danach von dicken Schleiern verhüllt zu werden. Die Bilder waren im Kasten und ich stieg fröhlich ins Tal ab. Der Blick auf das GPS-Gerät verriet, dass bei der ausgedehnten Morgenwanderung fast 29 Kilometer zusammenkamen.
Abends traf ich mich noch mit Christian und Reinhold. Sie luden mich zum Essen ein und wir verabschiedeten uns zunächst. Sicherlich werden wir uns auf der Carretera Austral nochmals begegnen. Ab morgen bin ich wieder unterwegs und habe wahrscheinlich für eine Woche keine Internetverbindung. Bitte keine Sorgen machen, mir geht es sehr, sehr gut!
Übrigens fehlen nur noch 40 Kilometer mit strengem Gegenwind. Auf der anderen Seite des Passes gibt es dieses Problem nicht mehr. Gott sei Dank!!!

Wolkenstimmungen vor dem Sonnenaufgang

Der Cerro Torre versteckte sich vor mir

Vor traumhafter Bergkulisse

Bergsteigertraum Fitz Roy oder Cerro Chalten (der rauchende Berg)

Reinhold und Martin füllen sich die Teller

Christian genießt das Abendessen

Mis derechos son mi libertad – Meine Rechte sind meine Freiheit

Schauen Sie sich auch die weiteren Teile des Südamerika-Tagebuchs an:

Teil 1: Buenos Aires und Feuerland
Teil 3: El Chalten und Carretera Austral
Teil 4: Von Trevellin bis Osorno und Santiago de Chile

Teil 5: Osorno – San Martín de los Andes – Pucon – Santiago de Chile (2013)

Teil 6: Santiago de Chile – Mendoza – La Serena (2013)

Teil 7: La Serena – Copiapó – Tinogasta – Salta (2013)

Teil 8: Salta – San Pedro de Atacama – Calama und Santiago de Chile (2013)

Ich unterstütze weiterhin bedürftige Kinder in der Ukraine. Wem das Tagebuch gefallen und vielleicht ja auch noch einen Euro übrig hat, darf gerne für meine humanitären Hilfsprojekte in der Ukraine spenden. Eines kann ich auf jeden Fall garantieren: Jeder gespendete Cent kommt zu 100 % bei den bedürftigen Kindern an. Darüber hinaus werde ich auf dieser Seite und natürlich auch auf der Seite des Vereins Kinderherz Untermain e. V. (www.kinderherz-untermain.de) berichten.

 

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