Tagebuch Teil 1: Buenos Aires und Feuerland – 2011

31.01.2011 und 01.02.2011 – Es geht los!

Einen Tag vor der Abfahrt verpackte ich die letzten Sachen in den großen Karton mit dem Fahrrad. Darunter befand sich auch eine neue Gabel für Holger, der momentan auch in Argentinien mit dem Fahrrad unterwegs ist (www.bikeproject2010.de). Abends gab es noch eine kleine Abschiedsfeier mit den Nachbarn.

Beim Verpacken von Holgers Fahrradgabel

Abschiedsfeier

Am 01.02. ging es endlich los. Nach einem ziemlich ruhigen Arbeitstag hieß es alle Sachen im Auto verstauen. Ich verabschiedete mich von meiner Frau, die die Zeit nutzt, um ihre Familie in Kuba zu besuchen. Danach fuhren wir weiter zum Flughafen. Das Einchecken war relativ unproblematisch und gegen die Zahlung einer geringe Gebühr in Höhe von 140,- € durfte auch das ganze Gepäck (inklusive Fahrrad) mitfliegen. Bei der Sicherheitskontrolle gab es schließlich das erste Problem. Man wollte mein Fahrradschloss einziehen, da man es angeblich als Waffe verwenden könnte. Nach langen Diskussionen durfte ich es schließlich doch wieder einpacken. Am Abfluggate bemerkte ich, dass mein Telefon außer Kontrolle geraten war. Wo es sich aktuell befindet, konnte ich noch nicht klären. Vielleicht liegt es noch im Auto meines Vaters oder ich habe es bei der Sicherheitskontrolle vergessen. Mal sehen, wie sich dieses Problemchen noch klärt.
Von Frankfurt am Main flogen wir zunächst nach Madrid.

02.02.2011 – Madrid – Lima – Buenos Aires

Um kurz vor eins in der Nacht startete unser Flieger in Richtung Südamerika. Wir flogen über Lissabon, vorbei an Madeira und weiter mit direktem Kurs auf Südamerika zu. In der Höhe von Surinam erreichten wir den Kontinent und weiter ging es quer über den Regenwald in Richtung Lima. Außer Manaos gab es kein einziges Licht am Boden zu sehen. Relativ schnell wurde es jetzt hell und beim Anflug auf die peruanische Hauptstadt konnte man einen ersten Blick auf die Anden werfen, die hier zwischen einzelnen Wolkenfeldern herausschauten. Lima lag vollkommen im Dunst, der sich nur zögerlich auflöste. Nach einem 90 minütigen Aufenthalt startete der Flieger in Richtung Buenos Aires. Anstatt auf direktem Wege über die Anden zu fliegen, nahm unser Jet zunächst Kurs auf den Pazifik und erreichte das Festland erst wieder kurz vor La Sirena. Von hier aus kreuzten wir die Atacama-Wüste und nochmals die Anden. Vor uns lag der Aconcagua (der höchste Berg Amerikas). Gegen 15 Uhr erreichten wir den Flughafen Ezeiza. Die Einreiseformalitäten waren schnell geklärt. Das Gepäck kam vollständig an. Nur die Kartons mit den Fahrrädern hatten sehr gelitten. Vom Flughafen in die Stadt fuhren wir mit einem großen Transporter, da mein Karton sehr groß war und nicht in ein normales Auto passte.

Unser Flugzeug nach Lima und Buenos Aires

Blick auf die Anden im Landeanflug auf Lima

Schneebedeckte Andengipfel

Beim Einladen der Fahrräder

Buenos Aires machte bisher einen interessanten Eindruck. Alles verläuft hier sehr ruhig und geordnet ab. Auf den zweiten Blick ist aber auch viel Armut zu sehen. Alle Abfälle (und seien sie aus den Büros) werden mindestens nochmals von zwei Personen nach brauchbaren Gegenständen durchsucht. Morgen werden wir uns die Stadt genauer anschauen.

Der große Obelisk

Es wird Nacht in Buenos Aires

03.02.2011 – Stadtbesichtigung von Buenos Aires

Den heutigen Tag ließen wir sehr gemütlich angehen. Nach einem ausgiebigen Frühstück starteten wir zum nahen Postamt, um die Fahrradgabel von Holger nach Bariloche zu schicken. Was wir dort erlebten, war der pure Bürokratismus. Man musste eine Wartenummer ziehen und nach längerer Wartezeit verlangte der Beamte am Schalter den Pass und eine genaue Inhaltsangabe der Sendung. Einfacher scheint es wohl nicht zu gehen.
Nach dem Abschicken des Pakets ging es zunächst zum Hafen. Dort besorgten wir uns Fahrkarten für einen Trip nach Uruguay. Danach spazierten wir durch das neue Stadtviertel am Hafen und besuchten den kleinen Nationalpark, der die Stadt vom Rio de la Plata trennt. Unvorstellbar viele neue Pflanzen und Tiere gab es hier zu betrachten. Ob seltsame Blütenblätter oder Kolibris – von der Vielfalt der Fauna und Flora ist sicherlich jeder Besucher überrascht. Uns überraschte aber auch die Sauberkeit der Stadt. Alles wirkte sehr gepflegt und nirgendwo lag Papier oder sonstiger Schmutz auf der Straße.

Wohnviertel am Hafen

Das moderne Buenos Aires

Herrliche Blüten im Nationalpark hinter der Stadt

Wir lernten interessante Pflanzen kennen

Nachmittags stand noch ein Besuch von Boca auf dem Programm. Hier gab es das ursprüngliche Buenos Aires zu sehen. Viele kleine Häuser aus Wellblech und bunten Farben versprühten den Charme des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die jungen Bewohner des Viertels eiferten an vielen Plätzen ihrem Idol Maradonna nach, der hier aufwuchs und für den Verein “Boca Juniors” spielte.

Für die Fußballfans: Das Stadion von Boca Juniors

Michael vor dem Stadion

Die Jugend eifert Maradonna nach

Unterwegs im Stadtteil Boca

Abends genehmigte ich mir wieder ein Stück Rindfleisch vom Grill. Es war bereits das zweite Mal und wieder ein absoluter Hochgenuss.

04.02.2011 – Montevideo, die Metropole im Windschatten

Für den heutigen Tag dachten wir uns etwas Besonderes aus. Ein Besuch von Montevideo stand auf dem Programm. Nach dem Frühstück begaben wir uns zum Fährhafen. Alles erinnerte an einen Flughafen. Man musste am Schalter einchecken, es folgten Sicherheitskontrollen und als Belohnung gab es einen Ausreisestempel von Argentinien und einen Einreisestempel von Uruguay in den Pass. Eine Expressfähre brachte uns innerhalb von einer Stunde auf die andere Seite des Rio de la Plata. Von Colonia folgte eine 2 1/2 stündige Fahrt im Luxusreisebus mit First-Class-Beinfreiheit – bedauerlicherweise führte die Strecke durch öde Landschaften, die lediglich von jeder Menge Holstein-Kühe belebt wurde.
Montevideo besitzt einen klangvollen Namen. Besonders interessant fanden wir die Stadt aber nicht. Eine fast gewöhnliche Großstadt, die mich ab und zu sogar an Kuba erinnerte – zumindest vom Baustil der Gebäude. Armut existierte auch hier und bereits bei der Einfahrt in die Stadt waren slumähnliche Gebäude zu sehen. Wir schlenderten durch das Zentrum und besuchten ein Restaurant. Michael bekam hier die kuriosesten Cannelloni der Welt vorgesetzt. Es gab zwei mit Spinat gefüllte Teile aus Tortillateig. Das Fazit: Die schlechtesten Cannelloni der Welt gibt es in Montevideo. Ich war mit meinem 500 Gramm-Rinderbraten-Teller deutlich besser bedient.

Das Fährschiff nach Uruguay

Die Fahne von Uruguay

Die buntesten Papageienkuchen der Welt gibt es in Montevideo

In Montevideo sind die Müllsammler mit Pferdefuhrwerken unterwegs

05.02.2011 – … endlich angekommen!

Obwohl wir sehr spät im Hotel ankamen, mussten wir heute sehr früh aufstehen. Die Kartons mit den Rädern wurden geklebt, damit sie auch den letzten Flug überstehen. Die Hotelangestellten besorgten uns wieder einen Transporter, um das komplette Gepäck zum Flughafen zu bringen. Leider kam dieses Mal nur ein kleines Auto und eine Person und die Räder konnten mitfahren. Wir mussten noch ein normales Taxi bestellen. Der zweite Flughafen von Buenos Aires liegt in der Innenstadt und direkt am Rio de la Plata. Von hier startete unser Flugzeug gegen Mittag in Richtung Süden. Das Landschaftsbild war drei Stunden lang absolut gleich. Mal etwas Küste oder flache Pampa – absolut unspektakulär. Erst vor der Zwischenlandung in El Calafate zeichneten sich erste Hügel ab und bei der Landung konnten wir erstmals die schöne patagonische Landschaft sehen. Gletscherseen und im Hinterland wilde und schneebedeckte Felsgipfel. Nach einem kurzen Aufenthalt startete der Flieger und brachte uns in einer guten Stunde nach Ushuaia. Ein wahnsinniger Anflug. Das Flugzeug tauchte in die Berge ein. Die schroffen Felsen lagen zum Greifen nah, bevor unvermittelt und fast schon überraschend die Landung auf einer vorgelagerten Halbinsel erfolgte.
Nach der Ankunft nahmen wir unser Gepäck und die Kartons mit den Fahrrädern in Empfang. Mein Karton war fast völlig zerrissen und vom Flughafenpersonal nachträglich zusammengeklebt. Ich hatte ein sehr mulmiges Gefühl und hoffte das dem Drahtesel nichts passiert war. Im Terminal verzogen wir uns in eine stille Ecke und bauten die Räder zusammen. Glücklicherweise war bis auf eine verbogene Bremse alles noch in Ordnung und wir konnten vom Flughafen die ersten Kilometer in die Stadt bei ruhigen Windverhältnissen aus eigener Kraft zurücklegen.
Tageskilometer mit dem Fahrrad: 7 Kilometer

Atemberaubender Anflug auf Ushuaia

Michael baut sein Fahrrad zusammen

Martin mit Schraubenschlüssel

Unser erster Blick auf Ushuaia

06.02.2011 – Hahn im Korb

Schon beim Frühstück wurde klar, wer das Interesse auf sich ziehen sollte. Es war mein Fahrrad mit der Rohloff-Getriebenabe. Bereits die Gäste im Hostel zeigten sich davon sehr beeindruckt und stellten unaufhörliche Fragen.
Wir entschlossen einen ersten Tagesausflug in den Nationalpark „Tierra del Fuego“ zu unternehmen und uns mit den Rädern etwas einzurollen. Bei kräftigem Gegenwind radelten wir aus der Stadt heraus und die asphaltierte Straße verwandelte sich schnell zu einer staubigen Piste. Die Piste an sich war zwar gut zu befahren, aber viele Autos und Busse überholten mit hoher Geschwindigkeit und hüllten uns in Staubwolken. Kurz vor der chilenischen Grenze endete die Nationalstraße 3 an einem Aussichtspunkt direkt am Meer. Urlauber und Kreuzfahrtgäste aus allen Ländern waren hier vertreten und die meisten waren von meinem Rad mehr als von der Natur begeistert. Absolut verrückt! Viele Touristen verwickelten uns in Gespräche und bestaunten uns und die Räder. Schnell kehrten wir diesem Trubel den Rücken zu und radelten in die Natur. Zu bestaunen gab es neben der wirklich wunderschönen Landschaft noch einen etwa 50 Meter langen Biberdamm. Auf der Rückfahrt fuhren wir noch in eine kleine Bucht mit prächtigem Panorama auf den Beagle-Kanal und die chilenischen Berge auf der Insel Navarino. Als Beweis für meine Anwesenheit bekam ich einen Stempel in den Reisepass.
Der Wind nahm jetzt immer weiter zu und wir entschlossen uns zurück nach Ushuaia zu fahren. Die Autofahrer staubten uns nochmals so richtig ein und der Wind drückte uns fast ohne zu Treten in die Stadt. Vor kräftigen Regenschauern erreichten wir wieder unsere Unterkunft.
Tageskilometer mit dem Fahrrad: 56 Kilometer

Michael erfrischt sich am Lago Roca

Wir zwei am Ende der Welt… oder am Ars… der Welt

Ein riesiger Biberbau

Eine kleine Erfrischung

Eine besondere Erinnerung in meinem Reisepass

Sturm zieht auf

07.02.2011 – Unterwegs in den Bergen Feuerlands

Am heutigen Tag wollten wir uns erneut körperlich betätigen und so war die Entscheidung schnell getroffen. Unweit von Ushuaia befindet sich der Gletscher “Martial” zu dem ein beschilderter Wanderweg führt. Ein Taxi brachte uns zunächst zur Talstation des Skigebiets auf einer Meereshöhe von nur 300 Metern. Jetzt stiegen wir auf der Skipiste bis zur Bergstation auf, um von dort nach weiteren etwa 45 Minuten an die Gletscherzunge zu gelangen. Auch hier hat die Erderwärmung ganze Arbeit geleistet und aktuell gibt es lediglich drei kleine Stück Gletscher zu bewundern. Es gab sogar kleine und scheinbar nicht sehr tiefe Gletscherspalten.
Ein Besuch im Gebirge wollte ich unbedingt auch mit einem Gipfel abschließen und so verließen wir den Wanderweg, um zunächst im wegelosen Gelände in ein Quertal zu gelangen. Hier kämpften wir uns in groben Schotterfeldern auf einen Pass hinauf. Von hier oben konnte man die herrlichen Berggipfel der Nachbartäler bewundern. Wir trafen auch auf ein Ehepaar aus Israel, das sich in 9 Monaten Südamerika anschauen möchte und sich zu diesem Zweck in Argentinien ein Auto kaufte. Gemeinsam stiegen wir noch ein paar Meter in Richtung Gipfel auf. Es wurde zunehmend steiler und Trittsicherheit war gefragt. Den weiteren Weg zum Gipfel versuchte ich von nun an alleine zu erreichen. Die folgenden Teile des Gipfelgrats waren erstaunlich leicht zu umgehen. Es wurde aber immer steiler und der Fels war ungewöhnlich brüchig, sodass ich meine Tour auf dem letzten Vorgipfel aus Sicherheitsgründen abbrach. Da dieser Vorgipfel laut Karte keinen Namen trug, nannte ich ihn Cerro Yady (in Erinnerung an meine Frau, die momentan bei ihrer Familie in Kuba ist und mir diese Reise erst ermöglichte). Während des Abstiegs konnten wir noch den traumhaften Urwald Feuerlands genießen. Der Bewuchs war unglaublich dicht und durch das verkrüppelte Wurzelwerk hatte es beinahe den Anschein, als ob wir uns in einem Märchenwald befinden würden.

Ein verträumtes Bergtal auf Feuerland

Nach der Gipfelbesteigung des Cerro Yady

Auf dem Abstieg durch einen mystischen Urwald

Im Innern des mystischen Urwalds

Im Hafen von Ushuaia

Rückkehr einer Antarktisexpedition

08.02.2011 – Auf der Rolle mit der Jolle

Für unseren letzten Tag in Ushuaia hatten wir uns etwas Besonderes aufgehoben. Eine Schiffstour mit einer echten Segelyacht auf die vorgelagerten Inseln stand auf dem Programm.
Glücklicherweise war der Wind am Morgen nicht besonders stark, sodass die Tour auch stattfinden konnte. Mit fünf weiteren Gästen, Micki dem Kapitän und Carlos dem Führer schipperten wir aus dem Hafen heraus. Nach zwei Kilometern wurden die Segel gehisst und aus eigener Kraft ging es nun auf die H-Insel (wegen ihrer spezifischen Form nach dem Buchstaben benannt). Auf dem Beagle-Kanal wurde der Wind zunehmend stärker und die Yacht beugte sich bedrohlich auf die Seite. Ein Erlebnis der besonderen Art.
Die H-Insel war vor allem für die Yamana-Indianer von strategischer Bedeutung. An ihrer Nordflanke konnten sie sich im Winter vor dem gefürchteten kalten Südwind in Schutz bringen. Für uns war es unvorstellbar, dass dieser Indianerstamm nackt lebte. Sie kannten überhaupt keine Kleidung. Täglich nahmen sie etwa 8.000 Kalorien zu sich – vor allem Seelöwenfleisch. Der Körper stellte sich auf die Kälte mit einer erhöhten Temperatur von 38 Grad ein (bei uns bereits Fieber!) und so kamen sie gut durch den Winter. Wir fragten uns, wie die Menschen heute unter solchen Bedingungen leben könnte. Erst die weißen Einwanderer brachten Kleidung mit und dies war auch zugleich der Niedergang der Yamana-Indianer. Da es damals noch keine Funktionskleidung gab, waren die Körper über längere Zeit der nassen Wäsche ausgesetzt. Dadurch wurden sie krank und verstarben. Unglaublich, oder?
Immer wieder gab es herrliche Aussichten auf die herrlichen Inseln im Beagle-Kanal mit ihren rauen und steilen Felsgipfeln. Besonders sehenswert waren auch die Kormoran-Kolonien. Ein lohnender Ausflug, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Ab morgen sind wir mit dem Fahrrad unterwegs. Der nächste Reisebericht erscheint erst in ein paar Tagen.

Unsere Jolle lägt sich schräg

Carlos erzählt uns über die Moose auf Feuerland

Die “nackten” Yamana-Indianer

Ein Kormoran bewacht seine Kolonie

Eine Kormorankolonie auf der Isla de los Lobos

Einfahrt in den Hafen von Ushuaia

09.02.2011 – Aller Anfang ist schwer…

Am heutigen Tag stand unsere erste Radfahretappe auf dem Programm. Alle Sachen wurden so verstaut, dass wir sie später auch wieder finden sollten – zumindest hofften wir das. Michael Hinterreifen war wieder platt uns so pumpte er zunächst einmal Luft auf, bevor es losging. Vom Hostel fuhren wir zum Supermarkt und weiter zum Hafen. Jetzt fiel mir auf, dass ich mich an die Luftpumpe nicht mehr erinnern konnte. Ein Nachschauen brachte die Ernüchterung. Die Pumpe war nicht da und Michael hatte sie mir sicher gegeben. Lag sie noch im Hostel? Es half also alles nichts und ich fuhr zurück und bekam zur Belohnung noch einen 20%ig steilen Anstieg geschenkt. Im Hostel machte mich ein älterer Spanier darauf aufmerksam, wo ich die Pumpe genau hineingesteckt hat und siehe da – sie war einfach in einer anderen Tasche. So etwas konnte auch nur mir passieren. Ich fuhr zurück zu Michael, der im Hafen gewartet hatte und endlich machten wir uns auf zur Durchquerung von Feuerland.
Nach wenigen Kilometern kam das nächste Problem. Michael Hinterreifen war schon wieder platt. Gut, dass ich die Pumpe jetzt griffbereit hatte. Das Problem lag glücklicherweise am Ventil. Es war schnell behoben und danach radelten wir aus der Stadt heraus. Leicht aber stetig ansteigend ging es durch traumhafte Bergtäler und über den Garibaldi-Pass in Richtung Tolhuin. Der Wind wehte uns den ganzen Tag ins Gesicht und erreichte teilweise Sturmstärke. Es war schon ein komisches Gefühl, wenn man beim Abfahren vom Berg noch kräftig treten muss, um wenigsten eine Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde zu halten. Als Belohnung erfrischten wir uns am einzigen Restaurant auf der Strecke mit Cola und einem Stück selbst gebackenen Zitronenkuchen. Danach rollten wir in welligem Profil am Lago Fagnano entlang nach Tolhuin, wo wir in einem kleinen Holzhaus nächtigen konnten.

Michael behebt das Problem mit seinem Ventil

Abschied von Ushuaia

Herrliche Bergkulisse in einem Seitental

Der Garibaldi-Pass ist erreicht

Blick auf den Fagnano-See

Die Kuckucksuhr darf in unserer Hütte nicht fehlen

10.02.2011 – 110 Kilometer im Gegenwind

Was uns auf der heutigen Etappe nach Rio Grande an der Atlantikküste erwartete, hätten wir uns sicherlich in so einer Form nicht träumen lassen. Schon bei der Abfahrt in Tolhuin durften wir den patagonischen Wind kennenlernen. Ohne viel zu sprechen, lösten wir dieses Problem durch regelmäßigen Führungswechsel. Dadurch konnte wenigstens eine Person etwas vom Windschatten profitieren. Als wir die Küste erreichten, kam es aber so richtig knackig. Voller Sturm von vorne machte uns das Fahren beinahe unmöglich. Der Winde wehte mit geschätzten 60 Kilometern in der Stunde inklusiver Böen, die wahrscheinlich 80 Kilometer erreichten. Man muss es selbst erlebt haben, denn beschreiben kann man so etwas fast nicht. Schwere Sturmböen wehten uns regelrecht in den unbefestigten Randstreifen und die Durchschnittsgeschwindigkeit sank auf 8 bis 10 Kilometer die Stunde. Die Zeit verging, die Getränke gingen zu Neige und das Etappenziel wollte einfach nicht näher kommen. Das einzige Ausflugslokal auf der Strecke war wegen Urlaubs geschlossen. Ich sah aber Leute und fragte nach Trinkwasser. Der Kampfhund war von unserem Besuch nicht sehr angetan und wurde nur mit viel Mühe von seinem Besitzer zurückgehalten. Zum Glück gab man uns Trinkwasser. Es war zwar von der Farbe recht unansehnlich und hatte einen sehr erdigen Geschmack. Doch es war bekömmlich, stillte den Durst und gab uns so die Kraft die noch verbleibenden 35 Kilometer in etwas mehr als 3 Stunden zu fahren. Erst kurz vor Rio Grande ließ der Wind etwas nach.

Unsere Schlafhütte in Tolhuin

Eine Pause am Streckenrand

Achtung Wind! Das Schild müsste eigentlich überall stehen

Kurz vor Rio Grande

11.02.2011 – Die virtuelle Stadt

Als wir aufstanden, war das Wetter herrlich. Die Sonne schien und der Wind wehte nur sehr schwach. Uns beiden war klar, dass man unter den gestrigen Bedingungen Etappen von 100 Kilometern eigentlich nicht fahren kann. Auf der Karte gab es nur einen einzigen Ort kurz vor der Grenze zu Chile. Die 79 Kilometer nach San Sebastian schienen lösbar.
Das Grauen hat viele Gesichter, der Wind auf Feuerland aber auch. Bei der Ausfahrt aus Rio Grande schien irgendein böser Mensch den Schalter von “schwachwindig” auf “Sturm” umgelegt zu haben. So zumindest fühlten wir uns. Unbarmherzige Windböen erfassten die schwer bepackten Räder in regelmäßigen Abständen. Das Windschattenfahren funktionierte bei diesen Bedingungen überhaupt nicht mehr. In den ersten zwei Stunden zeigte das Tachometer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 Kilometern pro Stunde an. Eigentlich schön, dass jetzt eine Abfahrt auf dem Programm stand. Wir traten wie die bekloppten in die Pedale und schaukelten das Tachometer auf lediglich 12 Kilometer hoch. Teilweise zweifelten wir, ob unter solchen Bedingungen das nächste Ziel überhaupt zu erreichen ist. Es war möglich. Dank glücklicher Fügungen drehte der Wind (jetzt von der Seite) ein wenig, sodass wir die Geschwindigkeit etwas erhöhen und San Sebastian gegen 19.30 Uhr erreichen konnten – oder zumindest den Punkt, der auf der Karte als San Sebastian verzeichnet war. Fünf Holzhäuser und eine heruntergekommene Grenzstation erwarteten uns. Mehr nicht! Die auf der Karte verzeichnete Stadt existierte eigentlich nicht. Eine Übernachtungsmöglichkeit war auch nicht vorhanden und wir wurden auf die chilenische Grenze verwiesen. Zelten an der Grenze schien uns auch nicht sehr sinnvoll und so standen nochmals 16 Kilometer auf dem Programm. Der Weg führte jetzt unterhalb eines Bergrückens entlang und war so wenigsten windgeschützt. Dafür war die Straße nicht mehr asphaltiert und von den vorbeirasenden Fahrzeugen wurden wir massiv eingestaubt. Die Dunkelheit brach bereits herein. Es war ein ungeheuer schönes Gefühl, dass das kleine Hotel mit angeschlossenem Restaurant auch tatsächlich geöffnet hatte. Sogar der Wind wehte nur noch ganz schwach. So könnte es auch morgen bleiben …

Denkmal an den Krieg um die Malvinen (Falkland-Inseln)

Heldenhafter Kampf gegen den Wind

Unterwegs im absoluten Nichts

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Unterkunft

12.02.2011 – Volle Kraft voraus!!!

In den frühen Morgenstunden konnte man bereits wieder das Heulen des Windes hören. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war, konnte ich zunächst noch nicht einschätzen. Als wir beim Frühstück saßen, fiel uns aber auf, dass die chilenische Fahne der Zollstation in Richtung Westen wehte. Ostwind! Genau unsere Richtung! Zum nächsten Ort fehlten genau 142 Kilometer und das war bei der üblichen Westwindlage eigentlich unmöglich. Nur heute war alles anders. Der Wind blies mit hohem Tempo aus Osten und war uns endlich einmal nützlich. Im Eiltempo radelten wir Porvenir entgegen. Die Piste war von den vielen Lkw sehr ausgefahren und mit vielen Rippen durchsetzt. An der ersten Weggabelung verbesserte sich aber der Zustand des Weges und die Kilometer rauschten nur so herunter. Unterwegs gab es viele Guanacos zu sehen.
Alles hätte so schön sein können. Etwa 35 Kilometer vor der Stadt setzte Regen ein und das Streckenprofil verschäfte sich. Mit Regenkleidung zu fahren, ist ja eigentlich kein Problem. Durch die vielen heftigen Anstiege kamen wir aber enorm ins Schwitzen und die Atmungsaktivität ist unter solchen Bedingungen nur noch eingeschränkt möglich. Lange Rede, kurzer Sinn. Dank der heute günstigen Windverhältnisse erreichten wir Porvenir nach einem Höllenritt über 142 Kilometer Schotterpiste, die zum Schluss noch mit vielen Schlaglöchern glänzte. Wir waren ziemlich durchnässt. Auch die Räder hatten ein wenig gelitten. Eins meiner Pedalen knackte über die letzten Kilometer und Michaels Gangschaltung funktionierte nur noch eingeschränkt. Zu allem Unglück habe ich mir auch noch das Display meines GPS-Gerätes stark verkratzt. Durch die heftigen Erschütterungen rutschte es in der Lenkertasche zu Boden und leider war eine Schraube im Weg.

Start an der chilenischen Grenze

Wir treffen Valeska und Philipp aus Österreich

Ohne Worte!

Eine Herde Guanacos kreuzt den Weg

Nur noch 100 Kilometer bis Porvenir

Am Strand der Inutil-Bucht

13.02.2011 – Von kroatischen Migranten und israelischen Fleischkontrolleuren

Den heutigen Tag verbrachten wir in dem kleinen Städtchen Porvenir. Es wurde ursprünglich von britischen Einwanderern gegründet. Im weiteren Verlauf kamen viele Kroaten, die man auch heute noch an ihren typischen Namen erkennt. Vornamen wie Radoslav, Dragan und Nachnamen mit der klassischen -ić-Endung sind auch heute im südlichen Chile weitverbreitet. Bei der Dorfbesichtigung fielen uns vor allem dem Denkmäler auf, die an die Einwanderung der ehemaligen südslawischen Leute erinnert. Am Hotel trafen wir sogar auf kroatische Touristen.
Am Tag zuvor beobachteten wir im Restaurant seltsam gekleidete Menschen mit großen Pelzmützen. Die Erklärung hierfür lieferte unser Zimmervermieter. Die Schafzucht von Porvenir liefert das Fleisch seit letztem Jahr exklusiv an ultraorthodoxe Juden in Israel. Um die koscheren Schlachtmethoden genauestens zu überwachen, reisen einige von ihnen regelmäßig in diesen kleinen Ort am Ende der Welt.
Am Nachmittag bepackten wir die Räder und fuhren zum 5 Kilometer vor dem Dorf liegenden Hafen Bahia Chilota. Mit der Fähre setzten wir über die Magellan-Straße über nach Punta Arenas. Auf dem Schiff lernten wir noch 4 Motorradfahrer (zwei aus Deutschland und zwei aus Kroatien kennen), die unsere Radfahr-Leistung bewunderten. Noch bevor wir eine Unterkunft fanden, begann es erneut in Strömen zu regnen. Glücklicherweise fanden wir sehr schnell eine Übernachtungsmöglichkeit im Zentrum von Punta Arenas.

Blick aus dem Fenster unseres Zimmers

Der Obelisk von Porvenir

Hier gibt es sogar einen kroatischen Klub

Ein Radler und vier Biker (jeweils zwei aus Deutschland und Kroatien)

Mis derechos son mi libertad – Meine Rechte sind meine Freiheit

Schauen Sie sich auch die weiteren Teile des Südamerika-Tagebuchs an:

Teil 2: Punta Arenas bis El Chalten (inklusive Torres del Paine-Nationalpark und Nationalpark Los Glaciares mit dem berühmten “Perito-Moreno-Gletscher”)
Teil 3: El Chalten und Carretera Austral
Teil 4: Von Trevellin bis Osorno und Santiago de Chile

Teil 5: Osorno – San Martín de los Andes – Pucon – Santiago de Chile (2013)

Teil 6: Santiago de Chile – Mendoza – La Serena (2013)

Teil 7: La Serena – Copiapó – Tinogasta – Salta (2013)

Teil 8: Salta – San Pedro de Atacama – Calama und Santiago de Chile (2013)

Ich unterstütze weiterhin bedürftige Kinder in der Ukraine. Wem das Tagebuch gefallen und vielleicht ja auch noch einen Euro übrig hat, darf gerne für meine humanitären Hilfsprojekte in der Ukraine spenden.  Eines kann ich auf jeden Fall garantieren: Jeder gespendete Cent kommt zu 100 % bei den bedürftigen Kindern an. Darüber hinaus werde ich auf dieser Seite und natürlich auch auf der Seite des Vereins Kinderherz Untermain e. V. (www.kinderherz-untermain.de) berichten.

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