Tagebuch der Donau-Radtour 2009

26.04.2009 – Der Sonntag vor der Abfahrt

Am heutigen Sonntag bin ich bereits früh auf den Beinen. Eine Menge Arbeit wartet auf mich. Die Fahrradtaschen werden für den Vorderradträger eingestellt. Das Rad wird zum ersten Mal komplett bepackt. Im Internet suche ich noch nach preiswerten Unterkünften in Deutschland. Nachmittags steht ein Besuch auf der Gewerbeausstellung “INFORMA” in Hattersheim auf dem Programm. Von 14:00 Uhr bis 17:30 Uhr platziere ich mich mit meinem Fahrrad vor der Sporthalle und mache die Besucher auf meine Fahrradtour aufmerksam.

27.04.2009 – Noch zwei Tage bis zur Abfahrt

Nach einem 10-stündigen Arbeitstag verbleibt nicht mehr viel Zeit für Vorbereitungen. Abends kümmere ich mich um die Aktualisierung des Etappenplans und lese mir noch einen Bericht über den Donau-Radweg in Serbien durch. Unterkunftsmöglichkeiten werden im Kartenmaterial vermerkt.

28.04.2009 - Die Abfahrt nähert sich und das Wetter wird schlecht

Dem Wetterbericht schenke ich heute besondere Aufmerksamkeit. Wie wird es morgen? Regnet es wie vorhergesagt oder haben wir doch etwas Glück und können den “Prolog” trocken nach Hattersheim fahren. Der erste Fototermin auf der Strecke wird telefonisch für den 01. Mai 2009 um 8:00 Uhr mit den Badischen Neuesten Nachrichten in Ettlingen vereinbart. Außerdem steht Packen auf dem Programm. Es geht ehrlich gesagt schneller, als ich gedacht habe. Ein paar Sachen kommen gleich in die Taschen. Der Rest wird zur Freude meiner Frau auf dem Küchentisch ausgebreitet. Noch einmal Schlafen, bis es endlich losgeht. Aufgeregt bin ich im Moment noch nicht. Durch die vielen Vorbereitungsarbeiten wird man sehr gut abgelenkt.

29.04.2009 – Verregneter Start (35,25 Kilometer)

Nach einem kurzen Arbeitstag geht es schnell nach Hause, um die restlichen Sachen zusammenzusuchen und in die Fahrradtaschen zu packen. Alles verläuft so weit problemlos. Gegen 15:00 Uhr fahre ich zusammen mit meinem Vater in Richtung Frankfurt. Treffpunkt für den Start zu meiner großen Fahrradtour ist der Frankfurter Römerberg. Bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft verfinstert sich der Himmel. Die Aussichten für die erste Etappe sind nicht gut. Mittels internetfähigem Mobilfunktelefon kann man die Regenwolken schon kommen sehen. Gegen 16:30 Uhr setzt Niederschlag ein, der bis zur Abfahrt um ziemlich genau 17:00 Uhr immer stärker wird. Die Zahl der Mitfahrer bei der ersten Etappe schrumpft auf genau 2 Personen zusammen (mein Vater und mein Bruder). Die Kollegen entscheiden, mangels Regenausrüstung auf die After-Work-Fahrradtour zu verzichten. Ich ziehe meinen Regenschutz über und verabschiede mich von meinen Gästen. Im strömenden Regen fahren wir los. Vom Römerberg radeln wir zunächst an den Main. Hier folgen wir dem Main-Radweg bis kurz vor Kelsterbach. Der Regen lässt langsam etwas nach. Wie schön! Etwa 500 Meter vor dem Ziel in Hattersheim gibt es die erste Panne der Tour. Mein Vater bekommt einen platten Vorderreifen. So ein Pech – erst das Wetter und jetzt der Reifen – da kann es ja eigentlich nur besser werden! Gegen 18:00 Uhr findet noch ein kleines Zusammentreffen in Hattersheim statt. Es hat mich sehr gefreut, dass zu meiner Abfahrt etwa 20 Gäste nach Frankfurt und 10 Gäste nach Hattersheim kamen. VIELEN DANK AN ALLE TEILNEHMER!!!

 

30.04.2009 – Hattersheim – Karlsruhe (173,75 Kilometer – längste Etappe der gesamten Tour!)

Heute steht die erste große Etappe auf dem Plan. Es geht von Hattersheim nach Karlsruhe. Um die 173 Kilometer zu bewältigen, muss es früh losgehen. Abfahrt in Hattersheim ist um 6:17 Uhr. Gegen 6:45 Uhr erreiche ich Flörsheim. Dort warten bereits Helmut und Manuel auf mich, um ein paar Fotos zu machen und mir nochmals alles Gute zu wünschen. Um 7:40 Uhr treffe ich mich mit Gerd vom Alpenverein (Sektion ­Darmstadt-Starkenburg.). Wir fahren 55 Kilometer bis Lorch zusammen. Zeitweise nieselt es leicht. Der große Regen bleibt aber aus. Hinter Schwetzingen kommt sogar die Sonne heraus. Von hier geht es auf sehr abwechslungsreichen Fahrradwegen bis nach Karlsruhe. Um 17:30 Uhr ist das Tagesziel (der Campingplatz in KA-Durlach) erreicht. Morgen steht übrigens die Königsetappe auf dem Programm – es geht über den Schwarzwald nach Donaueschingen – ich muss also früh schlafen gehen.

 

01.05.2009 – Karlsruhe – Donaueschingen (159,37 Kilometer)

Schon früh geht es heute los. Zelt einpacken, Sachen verstauen, 1500 Kalorien frühstücken und schon ist es kurz nach 8:00 Uhr. Um diese Zeit will ich eigentlich schon in Ettlingen sein. In Ettlingen habe ich meinen ersten Fototermin für die Badischen Neuesten Nachrichten. Von Ettlingen geht es über Gaggenau in das Murgtal – das Tor in den Schwarzwald. Von hier an geht es für die nächsten 45 Kilometer nur bergauf. Von etwa 100 Metern über dem Meer radle ich auf  etwa 700 Meter in Freudenstadt hinauf. Der letzte Anstieg ist ziemlich kernig. In Freudenstadt mache ich die erste längere Rast und stärke mich mit 2 Hotdogs. Jetzt kommt der schwerste Teil der Etappe. Das Streckenprofil geht von jetzt an nur noch hoch und runter mit zum Teil kurzen heftigen Steigungen. Dank des Rückenwindes komme ich aber gut voran. Ab Villingen zeigen sich dunkle Wolken am Himmel. Um den nahenden Gewitterschauern zu entkommen, gebe ich Vollgas und eile nach Donaueschingen. Der Tacho zeige fast immer über 25 Kilometer pro Stunde an. Um 17:55 Uhr stehe ich überpünktlich vor der Redaktion des Südkuriers. Hier findet heute der zweite Fototermin des Tages statt. Als die Fotos im Kasten sind, setzt Regen ein. Bei diesem Wetter ist eine Sache sofort klar: Camping – nein, danke! Auf nasse Sachen kann ich wirklich verzichten. Ich miete mich im Naturfreundehaus ein, wo ich auch die ersten Kleidungsstücke sauber mache und danach an der Gardinenstange zum Trocknen aufhänge. Für was so Stangen alles gut sein können. Die Königsetappe liegt jetzt hinter mir. Morgen geht es zu den Quellflüssen der Donau.

 

 02.05.2009 – Zu den Quellflüssen der Donau (104,87 Kilometer)

In der Nacht fiel starker Regen. Um so überraschter bin ich, als morgens die Sonne scheint. Zunächst gibt es ein reichhaltiges Frühstück. Gegen 8:40 Uhr breche ich auf, um die beiden Quellflüsse der Donau zu erkunden. Von Donaueschingen geht es über Villingen und St. Georgen zur Brigachquelle. Sie liegt völlig unscheinbar im Vorgarten eines Bauernhofs. Eine Frau aus Südhessen fotografiert mich, damit es auch ab und zu ein Foto mit mir gibt. Die Wolken ­beginnen sich aufzutürmen. Ohne weitere Zeit zu verlieren, fahre ich  jetzt in Richtung Furtwangen und Bregquelle. Die letzten zwei Kilometer Anstieg verlangen nochmals alle meine Kräfte. Um 12:55 Uhr erreiche ich das Dach der Tour, die 1078 Meter hoch gelegene Bregquelle. Hier treffe ich mich auch mit Herrn Scherzinger vom Südkurier. Dank ihm lerne ich auch die Wirtsleute vom Kolmenhof kennen. Sie waren auch schon mit dem Fahrrad in Osteuropa unterwegs, um dort ihren Fluss zu besuchen. Es ist schon etwas Besonderes, wenn der längste Fluss Mitteleuropas direkt am eigenen Haus entspringt. Während sich ein Gewitter entlädt, unterhalte ich mich mit Herrn Scherzinger und genieße einen leckeren Kräuterblütentee und eine schmackhafte Bärlauchsuppe. Um 14:45 Uhr ist es so weit. Ich starte an der Bregquelle in Richtung Schwarzes Meer. Ein bewegender Moment! Immer wieder schauert es kräftig. Ab Furtwangen fahre ich auf dem völlig aufgeweichten Bregtal-Radweg. Mein Fahrrad sieht nach wenigen Tagen schon so aus, als wäre ich bereits Wochen unterwegs. Nach der Rückkehr in der Unterkunft müssen die Kleider getrocknet werden. Das ist schon etwas ärgerlich, wenn man weiß, dass zu Hause die Sonne scheint. Das Beste ist: Morgen Mittag sollen die nächsten Gewitter kommen. Egal – es geht jetzt in Richtung Passau. Von Donaueschingen sind es gerade mal 573 Kilometer.

03.05.2009 – Donaueschingen – Tuttlingen – Sigmaringen – Scheer (108,5 Kilometer)

In der Nacht fiel wie immer Regen. Das Ergebnis am heutigen Morgen ist dichter Nebel, der sich nur zögernd auflöst. Da heute Sonntag ist, gibt es erst um 08:30 Uhr Frühstück. Von der Wirtsfrau bekomme ich sogar noch eine Flasche Apfelschorle als Wegzehrung geschenkt und ich darf mir auch noch Proviant für die heutige Etappe mitnehmen. Gerade an einem Sonntag ist so eine nette Geste besonders hilfreich. Um 09:13 Uhr geht es endlich los. Zunächst muss ich noch Fotos von der Quelle in Donaueschingen und dem Zusammenfluss von Breg und Brigach machen. Danach geht es über dampfende Felder (die Feuchtigkeit der letzten Nacht stieg auf und formte sich sofort zu kräftigen Kumulus-Wolken) ins Donautal. Die Versickerungen der Donau kommen leider nicht zur Geltung, da der Fluss momentan viel Wasser führt. Man kann aber deutlich erkennen, dass der Wasserstand des Flusses von einem auf den anderen Moment merklich abnimmt (Grund: karstiges Gelände und Höhlensysteme entziehen der Donau das Wasser und lassen es erst 14 bzw. 18 Kilometer weiter südlich im Aachtopf wieder zutage treten – dieses Wasser fließt übrigens in den Rhein und die Nordsee aus!). Von Tuttlingen bis Sigmaringen fahre ich durch einen der interessantesten Donau-Abschnitte überhaupt. Steile Felsen ragen am Ufer empor. Der Weg führt durch Wälder, Wiesen und über Felder. Ständig gibt es neue herrliche Ausblicke auf die Felsformationen. Auch heute sind wieder beträchtliche Steigungen zu überwinden. Von Wegen an einem Fluss geht es immer nur bergab. Als sich der Himmel mal wieder verfinstert, entschließ ich mir ein Quartier zu suchen. In Scheer (8 Kilometer östlich von Sigmaringen) schlafe ich heute in einem schönen Privatzimmer. Es liegt auf dem Berg und pünktlich zum Anstieg beginnt es wieder kräftig zu regnen. Es ist fast wie jeden Tag. Immer wieder Regen. Hoffen wir einfach mal, dass es morgen trocken bleibt und ich reichlich Kilometer abstrampeln kann. 

 04.05.2009 – Scheer – Riedlingen – Ehingen – Ulm – Günzburg (133,05 Kilometer)

 Die ganze Nacht hat es geregnet. Am Morgen verstärkt sich der Niederschlag sogar noch und ich beschließe in Ruhe das ausgiebige Frühstück zu genießen. Als es gegen 10:30 Uhr nur noch leicht nieselte ging es los. Der heutige Streckenabschnitt ist landschaftlich nicht so aufregend wie der gestrige. Im trüben Wetter bildet zunächst nur das schöne Stadtbild von Riedlingen den einzigen Lichtblick. Ab 13:00 Uhr lockert es zögerlich auf. Am meisten machen mir heute wieder die kurzen tückischen Anstiege zu schaffen (teilweise bis zu 20% steil). Die erste längere Pause mache ich in Ehingen. Dort erwartet mich auch ein Pressetermin mit dem Ehinger-Tagblatt. Nach Ehingen folgen glücklicherweise kaum noch Steigungen. Dafür verschärfte sich aber der Wind, der mir von jetzt ab voll ins Gesicht bläst. Um 17:30 Uhr erreichte ich Ulm und lege eine 20-minütige Mini-Stadtbesichtigung ein. Das Ulmer Münster, das Rathaus und das Fischerviertel sind die Höhepunkte. Die Donau ist hier in Ulm schon zu einem stattlichen Fluss herangewachsen. Tagesziel soll das etwa 25 Kilometer entfernte Günzburg sein. Ich erreiche es gegen 19:50 Uhr. Mit Glück ergatterte ich noch ein Privatzimmer unweit der wirklich sehenswerten Altstadt. Als Abendessen suche ich mir heute nach 133 Kilometern etwas ganz besonderes heraus: Saure Kutteln mit Bratkartoffeln – absolut empfehlenswert nach so einer kräftezehrenden Etappe.

 05.05.2009 – Günzburg – Dillingen an der Donau – Donauwörth – Neuburg an der Donau – Weichering (128,37 Kilometer)

Als ich heute Morgen die Augen öffne, scheint mir die Sonne in das Gesicht. Es ist zwar mit 5 Grad ziemlich frisch aber immerhin trocken. Nur wenige Minuten vergehen, bis erste hohe Wolkenfelder aufziehen und die Sonne wieder verdecken. Von Günzburg radele es zuerst in Richtung Dillingen. Die ersten Anstiege warten bereits nach einem Kilometer und heute Morgen fühle ich mich zum ersten Mal schwach auf der Tour und ich kann mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, überhaupt 50 Kilometer zu fahren. In Dillingen steht wieder ein Pressetermin bei der Donau-Zeitung auf dem Programm. Dies ist eine willkommene Pause, um neue Kräfte zu tanken. Der Weg führt meist fernab von der Donau auf Nebenstraßen und über Radwege an Hauptstraßen. Abschnittsweise scheint es, als ob ich auf dem Donautal-Höhenweg unterwegs bin. Zwischen Donauwörth und Neuburg lasse ich keinen Berg aus. Wie schön! Lichtblicke am heutigen Tag sind die Durchfahrten durch Lauingen, Dillingen, Donauwörth und Neuburg. Dort verfahre ich mich übrigens bei der Besichtigungstour und benötige fast 20 Minuten, um wieder auf die offizielle Strecke zu kommen. Da bereits die nächsten Regenwolken im Anmarsch sind, entschließe ich mich zur Übernachtung in Weichering bei Ingolstadt. Es bleibt zwar heute auf der Etappe trocken – beim Fußweg zum Abendessen ist es aber mal wieder so weit. Es regnet! Hoffen wir, dass es sich bis morgen ausgeregnet hat, denn es soll nach Regensburg gehen. Unterwegs wartet auch noch einer der Höhepunkte – der Donaudurchbruch zwischen Weltenburg und Kelheim. Da das Tagebuch jeden Abend viel Zeit in Anspruch nimmt, komme ich mit dem Beantworten der E-Mails im Augenblick nicht richtig nach. Aber keine Angst – Antwort kommt bestimmt!

 

06.05.2009 – Weichering – Ingolstadt – Kelheim – Regensburg (128,94 Kilometer)

Der Blick aus dem Fenster ist heute wieder sehr ernüchternd. Leichter Landregen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als trotzdem aufzubrechen und Richtung Regensburg loszufahren. Die ersten 10 Kilometer bis Ingolstadt müssen sogar mit Regencape gefahren werden – so stark ist der Niederschlag. Ab Ingolstadt bleibt es zunächst trocken. Was ein Glück! Nach einer kurzen Stadtrundfahrt fahre ich weiter zum weltberühmten Kloster Weltenburg. Eindrucksvoll steigen hier mächtige Felsen in die Höhe. Unzählige Touristen bevölkern das Kloster, sodass ich sofort in Richtung Kelheim abfahre. Zwischen dem Kloster und Kelheim ist zunächst ein mächtiger Berg zu erklimmen. Bei der regennassen Fahrbahn muss ich vor allem bei der Abfahrt in die Stadt sehr aufpassen. Von Kelheim geht es gleich den nächsten Berg hinauf zur Befreiungshalle. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Kelheim und die Weltenburger Enge. Nach einer kurzen Rast setzt wieder einmal Regen ein (8 Tage unterwegs – an allen Tagen regnet es!) Schnell mache ich mich auf in Richtung Regensburg. Ab Kelheim ist die Donau auch für größere Schiffe fahrbar. Von hier kommt man über die Altmühl und den Rhein-Main-Donau-Kanal auch direkt per Schiff nach Frankfurt am Main. Die Fahrt nach Regensburg ist nochmals sehr anstrengend, da der Wind dreht und mir wieder einmal frontal ins Gesicht bläst. In Regensburg kann ich heute bei Familie Daase (Etappen-Paten für eine Strecke in Serbien) übernachten, die mich dankenderweise aufnahmen und vorzüglich bewirteten. Vielen Dank!

 

07.05.2009 – Regensburg – Straubing – Deggendorf – Niederalteich (119,07 Kilometer)

Nach einer ruhigen und entspannenden Nacht bereitet mir Familie Daase ein fantastisches Frühstück. Danke! So kann ich gestärkt in das Regensburger Stadtzentrum aufbrechen, wo bereits um 9.00 Uhr ein Termin mit der Donau-Post auf dem Programm steht. Regensburg hat übrigens eine sehr sehenswerte Altstadt. Von hier radele ich weiter zur Walhalla. Dort gibt es Büsten von Deutschen zu sehen, die sich durch ihr Tun und Handeln in der Vergangenheit besonders verdient machten. Wird man in vielen Jahren auch vielleicht eine Büste von mir ausstellen? Na, ja die Wahrscheinlichkeit dürfte nicht so hoch sein – aber man weiß ja nie. Zumindest genieße ich von hier oben die Aussicht auf das gesamte Donautal von Regensburg bis Straubing. Das Wetter ist heute mit einem Wort zu beschreiben: Perfekt. Trotz Sonnencreme röten sich heute meine Ohren ein wenig. Ansonsten gibt es zum Glück keine körperlichen Gebrechen zu vermelden. Die Wege sind auch weitestgehend gut befahrbar und führen meist unterhalb der Hochwasserdeiche auf der vom Fluss abgewandten Seite entlang. Das finde ich schon etwas schade – die Planer hätten mal nachdenken sollen. Die Leute wollen doch den Fluss und nicht nur die Wiesen sehen. Kurze Abschnitte auf den Deichen sind herrlich mit Ausblicken auf Donau und Bayrischen Wald. In Straubing lausche ich rumänischen Straßenmusikern. Wohl ein Vorgeschmack auf das, was mich in Kürze erwarten wird. Von Straubing geht es auf direktem Wege nach Deggendorf, wo der zweite Pressetermin wartet. Dort treffe ich auch eine sympathische alte Dame, die sich sogar im Alter von 65 Jahren noch alleine im tiefsten Bayern auf Fahrradurlaub befand. Die voraussichtlich letzte Übernachtung erfolgt heute in Niederalteich – nur noch 50 Kilometer bis Passau. Mal sehen, wie weit ich morgen komme. Nach einem schönen trockenen Tag sind für morgen wieder Gewitter gemeldet. Aber wie sagt man so schön – die Hoffnung auf einen trockenen Tag stirbt zuletzt. Bis jetzt hat das Wetter zwar nicht so sehr geglänzt. Immerhin ist es aber jeden Tag möglich, mindestens 100 Kilometer vorwärtszukommen und etwa 20 % der Gesamtstrecke sind schon absolviert.

 

08.05.2009 – Niederalteich – Passau – Schlögener Schlinge – Kaiserhof (122.52 Kilometer)

Der Wettergott bleibt heute auf meiner Seite: Keinen Regen – dafür volle Sonne und warme Temperaturen. Trotz kräftigem Gegenwind komme ich heute gut voran. Als ich 40 Minuten unterwegs bin, klingelt das Telefon – es ist Gerd, mein Bergkamerad aus Darmstadt, der auch die erste Etappe mit mir fuhr. Zufällig ist er auf dem Weg nach Passau, um mit dem Schiff einen Ausflug auf meinem Fluss zu machen. Sein Schiff fährt um 12:00 Uhr in Passau ab. Das bedeutet für mich Beeilung, denn es fehlen noch gute 30 Kilometer und die herrlichen Blumenwiesen laden immer wieder zum Fotografieren ein. Pünktlich um 11:40 Uhr rolle ich an den Anlegestegen ein und sehe auch sehr schnell Gerd. Leider haben wir nicht viel Zeit, um Gedanken auszutauschen. Auf jeden Fall freuen wir uns beide über das Wiedersehen. Bei seiner Abfahrt ruft er noch laut und wir winkten uns gegenseitig zu. Es ist wirklich sehr schön, wenn man auf einer so langen Reise bekannte Gesichter zufällig trifft. Für mich ist das eine sehr freudige Überraschung. Von Passau geht es zwischen der Bundesstraße auf der einen und der Donau auf der anderen Seite in Richtung Grenze. Hier, auf diesem Weg, mache ich auch meine erste interessante Frauenbekanntschaft. Isa lädt mich zu sich nach Hause ein. Diese Einladung muss ich aber leider absagen. Es wartet einfach noch zu viel Weg auf mich. Auch ihre hüftlangen und blonden Haare überzeugen nicht. Immerhin fotografiert mich ein anderer Radfahrer mit Isa. Sie ist übrigens eine Nixe und die Schwester der Loreley (wenn ich richtig aufgepasst habe). Kurze Zeit später wartet schon der nächste Donauhöhepunkt – die Schlögener Schlinge (ähnlich wie die Saarschleife, nur in groß). Da ich ein Foto von diesem bekannten Fotomotiv machen will, heißt es wieder einmal bergauf fahren. Bei diesem Anstieg sehe ich eine riesige angefahrene Schlange auf der Straße, die sich noch windet. Ich bin über ihre Größe fast schon erschrocken. Es sind wohl fast 1 1/2 Meter und das ist nicht übertrieben. Der Weg ist höllisch steil. Dafür ist die Aussicht gigantisch. Ihr werdet ja später die Fotos sehen. Die Mühe lohnt sich. Zusammen mit einem Österreicher fahre ich jetzt zum Kaiserhof, wo die heutige Etappe endet. Gerade eben hat es wieder zu regnen angefangen. Zum Glück habe ich mich für ein Zimmer entschieden. Also trocken schlafen ;-).

 

09.05.2009 – Kaiserhof – Linz – Mauthausen – Ybbs (124,46 Kilometer)

Das nächtliche Gewitter brachte viel Niederschlag. Der Morgen danach zeigt sich aber wieder mit viel Sonne. Im Tal hängen letzte Wolkenfetzen. Um 8:55 Uhr breche ich in Richtung Linz auf, wo in Österreich mein erster Pressetermin wartet. Kurz hinter Aschach fallen mir bei einem Radler die orangefarbenen Fahrradtaschen eines bekannten Outdoor-Ausstatters ins Auge. Es ist ein Rentner aus Würzburg, der auf dem Weg nach Tibet und Hongkong ist. Gemeinsam bestreiten wir die nächsten Kilometer. Während meine Reise knapp 8 Wochen dauert, ist er voraussichtlich 8 Monate unterwegs. Er fuhr auch schon von Würzburg nach Kapstadt. Seine Ideen begeistern mich und ich würde gerne Ähnliches machen – wenn nur diese Arbeit nicht wäre! Kurz vor Linz fahre ich voraus, um nicht zu spät zum Pressetermin zu kommen. Linz ist eine Stadt, der man normal mehr Zeit widmen muss. Es gibt viel zu sehen und außerdem ist Linz Kulturhauptstadt Europas 2009. Ich halte mich nur wenige Minuten in der Stadt auf. Es muss weitergehen, da der nächste Pressetermin in Mauthausen schon wartet. Auf dem Weg dorthin geht es an Metall verarbeitenden Betrieben vorbei. Hier fallen sofort die ukrainischen Schiffe ins Auge, die wohl das Eisenerz hierher bringen. In Mauthausen treffe ich mich mit der Reporterin auf einer Parteiveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei. Nett, dass sie sich für mich eine halbe Stunde Zeit nimmt. Österreich zeigt sich wettertechnisch nur von seiner besten Seite. Einzige Schattenseite ist der kräftige Ostwind, der mir mit Windstärke 4 bis 5 (keine Übertreibung!) voll ins Gesicht bläst. Da zahlt sich das tägliche Training aus. Während die anderen Radler pausieren, kann ich langsam aber stetig weiterfahren. Das Tachometer zeigt trotzdem nur selten 20 Kilometer an. Ich durchfahre wieder einen romantischen Abschnitt zwischen Grein und Ybbs. Da es schon sehr spät ist, suche ich mir ein Privatzimmer. Ein Campingplatz existiert hier leider nicht. Vom Wetter wäre es aber ideal. Die Wahl der Restaurants in Österreich läuft bisher nicht so erfolgreich. Leider heute zum zweiten Mal nur Durchschnitt und kein Vergleich zu den Top-Gaststätten in Deutschland. Aber egal – man kann es essen und vielleicht kommt morgen ja mal wieder ein Volltreffer.

 

10.05.2009 – Ybbs – Melk – Krems – Tulln (113,86 Kilometer)

Heute geht es um 8.00 Uhr los. Es wartet zunächst ein reichlich gedeckter Frühstückstisch und eine nette Unterhaltung mit der Besitzerin der Unterkunft. Erst gegen 09.15 Uhr starte ich heute in Richtung Melk, Wachau und Krems. Melk kündigt sich schon von Weitem mit dem riesigen Kloster an. Leider hat man hier kein Herz für Radler und man versucht diese möglichst schnell vom Klostereingang zu verscheuchen. Da verliere ich innerhalb weniger Sekunden die Lust an diesem Gebäude und mache mich auf in die Wachau. Am Ortseingang von Aggsbach Markt kommt endlich wieder ein positives Erlebnis. Meine Nachbarn sind auf der Durchreise in den Urlaub und wollen mich an der Strecke besuchen. Wie schön! Und sie bringen mir auch eine Ersatzlenkertasche und ein paar kleine Glücklichmacher (Süßigkeiten) von meinen Eltern mit. Über solche Besuche an der Strecke freue ich mich riesig. Wir vereinbaren ein Treffen am Dienstag in der ungarischen Partnerstadt von Hattersheim. Der Himmel verfinstert sich bereits wieder und erste Schauer gehen in der näheren Umgebung nieder. Das Glück ist aber auf meiner Seite und so fallen nur ein paar vereinzelte Tropfen auf mich herab. Die Wachau erinnert ziemlich stark an das Mittelrheintal. Weinberge, kleine Dörfer, Felsen und Hügelland sowie viele, viele Touristen. Das Rüdesheim der Wachau heißt übrigens Dürnstein und ist heute hoffnungslos überlaufen. Auch Japaner sind zu sehen – zum ersten Mal auf dieser Tour (mit Ausnahme von Frankfurt a. M.). In Richtung Stein und Krems nehmen die Touristenströme sofort wieder ab – eigentlich unverständlich, denn diese Städte sind auch sehenswert. Von Krems bis Tulln bin ich übrigens fast alleine auf dem Radweg. Nicht einmal mehr Schiffe befahren den Fluss. Auf der rechten Seite sieht man herrliche Auwälder und die blühenden Akazienbäume verströmen einen angenehm lieblichen Duft, den ich ganz für mich alleine genießen kann. Ein traumhafter Kontrast zu der überlaufenen Wachau. Aus taktischen Gründen erfolgt das Etappenende heute in Tulln. Von hier sind es etwa 40 Kilometer bis Wien und knappe 100 Kilometer bis in die Slowakei – das dritte Land der Reise.

 

11.05.2009 – Tulln – Korneuburg – Wien – Hainburg -  Bratislava (161,41 Kilometer)

In großen und schnellen Schritten bringt mich der Donau-Radweg heute in Richtung Wien. Das Wetter ist sehr gut und nur ein paar hohe Wolkenfelder verdecken zeitweise den Himmel. Die Temperaturen steigen auf sommerliche 33 Grad an. Trotzdem erschwert wieder konstanter Ostwind das perfekte Vorwärtskommen. In Wien ist das Radfahren durch die Innenstadt schwierig und zeitaufwendig. Immer wieder stoppen rote Ampeln oder zäher Autoverkehr das Radeln. So entschließe ich mich, nach kurzem Fotostopp am Dom und der neuen Hofburg Kurs in Richtung Slowakei zu nehmen. Über die Donauinsel (wenn man sie dann mal erreicht) kann die Stadt auf perfekten Radwegen verlassen. Diese Insel zieht sich über insgesamt 20 Kilometer durch die Stadt. Für die Bevölkerung ein idealer Platz, um sich vom Großstadtstress zu erholen. Nach der Insel folgen sehr schöne Donau-Auen. Wieder kann man die Akazienbäume zuerst riechen, bevor man sie auch tatsächlich sieht. Herrliche Wasserflächen mit Schilf und Froschgequake machen aus dem Radfahren ein besonderes Vergnügen. Danach führt der Weg über einen Damm ca. 20 Kilometer geradeaus nach Hainburg. Selten zuvor befuhr ich eine so monotone Strecke. Man wird richtig Müde durch diese Langweile – ohne Unterbrechung Deich und Bäume. Langsam tauchen die Karpaten am Horizont auf. Bratislava ist nicht mehr weit. Ich entschließe mich von Bratislava gleich in Richtung Devin weiterzufahren, um dem Großstadtrummel zu entkommen. Gesagt – getan! Problem – in Devin sind alle Übernachtungsplätze belegt und man empfiehlt mir nach Devinska Nova Ves zu fahren. Hier ruft der unverschämte Hotelier für ein Einzelzimmer stolze 61 Euro auf. Das will ich wirklich nicht zahlen. Also kehre ich ihm den Rücken und fahre nach Bratislava zurück. Dort kostet das Einzelzimmer nur 30 Euro und befindet sich mitten in der Innenstadt. Diese dramatische Fehlentscheidung kostete gute 35 Kilometer Umweg. Egal – es werden nicht die letzten Kilometer sein, die nicht auf dem Plan stehen. Morgen habe ich die nächsten Termine in Berg (Österreich) und in Mosonmagyarovar (Ungarn).

 

12.05.2009 – Bratislava – Berg – Bratislava – Mosonmagyarovar – Bratislava (98,86 Kilometer)

Für heute ist eigentlich ein Ruhetag geplant. Aber manchmal kommt es anders, als man denkt. Zunächst fahre ich zurück an den Grenzübergang Berg (Slowakei/Österreich), um für die Niederösterreichischen Nachrichten noch ein Foto zu machen. Danach geht es in Richtung Ungarn. Dort will ich meine Nachbarn Karin und Jochen in Mosonmagyarovar (der Partnerstadt von Hattersheim) besuchen. Es weht wieder ein sehr, sehr kräftiger Wind, der das Fahren in Richtung Ungarn relativ einfach macht. Karin hat bereits mit den Leuten im Rathaus gesprochen und der Bürgermeister kommt sogar extra, um mich zu treffen und ein Foto mit mir zu machen. Es freut mich sehr, dass sich der Bürgermeister trotz seines engen Terminplans (er musste 3 Stunden später schon wieder in Budapest sein) einige Minuten für mich Zeit nimmt. Daran sollte sich unser Amtsleiter mal ein Beispiel nehmen. Er hat bis heute nicht einmal auf meine E-Mail geantwortet. Nach dem Fototermin laden mich Karin und Jochen noch zum Essen ein, bevor es zurück nach Bratislava geht. Der Wind bläst noch immer sehr stark (Windstärke 4 – in Böen bis 5) – leider mir jetzt voll ins Gesicht. Treten, treten und nochmals kräftig treten und nach etwa 2 Stunden und 30 Minuten ist es geschafft. Ich bin wieder in Bratislava. Die letzten Kilometer rauben mir aber mal wieder ziemlich viel Kraft. Das heißt für heute Abend: Essen und Schlafen legen, denn die Donau ruft und die Wetteraussichten für morgen sind gut. Viel Lust auf andere Sachen habe ich sowieso nicht mehr. Insgesamt sind doch wieder 99 Kilometer zusammengekommen, die heute (am sogenannten Ruhetag) abgestrampelt wurden. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an Karin und Jochen für den schönen Empfang und das Mittagessen in Mosonmagyarovar.

 

13.05.2009 – Bratislava – Komarno (116,18 Kilometer)

Die Meteorologen hatten sich bei der Vorhersage wohl geirrt. Das Wolkenbild kurz nach dem Aufstehen verkündet baldige Niederschläge und so kommt es auch. Beim Bepacken des Rads beginnt es zu regnen. Trotzdem fahre ich los. Durch die Altstadt, über die Donaubrücke mit dem Aussichtsturm, am Fluss entlang, wieder über die Donau und letztlich auf dem Damm mit Fahrtrichtung Osten. Immer wieder regnet es – mal stärker und mal schwächer. Von der Streckenführung ist es nicht sonderlich spannend. Ich fahre bis auf wenige Ausnahmen immer auf dem Damm. Die Beschilderung der Radwege ist im Vergleich zu Deutschland und Österreich relativ schlecht, dafür gibt es aber zunächst durchweg guten Asphalt. Erst 40 Kilometer vor Komarno ist der Damm unbefestigt. Das Fahrrad ist im recht groben Kies ziemlich schwer zu steuern. Später weiche ich auf die Straße aus und kann dank hilfsbereiter Slowaken den Weg stets wie beschrieben finden. Einmal noch führt der Damm durch Auwälder. Als ich ein Foto schieße, bemerke ich im gleichen Moment die Einstiche von den hier sehr aggressiven Stechmücken. Also heißt die Devise: Weiterfahren und möglichst in diesem Abschnitt keine Pausen machen. Am Ende der Waldzone waren die angriffslustigen Gesellen auch wieder verschwunden. Eine Handvoll juckender Stiche nehme ich aber trotzdem mit nach Komarno. Das Wetter bessert sich zum Nachmittag. Abends scheint sogar die Sonne. Insgesamt komme ich heute meinem Ziel wieder 116 Kilometer entgegen. Die Wettervorhersage für morgen ist übrigens Dauerregen. Ich wünsche mir, dass sich die Meteorologen wieder täuschen und es vielleicht nicht ganz so schlimm wird. Immerhin wartet wieder ein interessanter Abschnitt: das Donauknie!

 

14.05.2009 – Komarno – Sturovo – Esztergom – Visegrad (85,4 Kilometer)

Heute ist wieder so ein Tag von denen ich mir auf meiner Tour jetzt wirklich keinen mehr wünsche. Pünktlich zur Abfahrt um 08.10 Uhr setzt heftiger Regen ein. An geschützter Stelle warte ich 90 Minuten, bis es bei nur noch leichtem Regen weitergeht. Zu all diesem Unglück gesellt sich auch ein sehr heftiger Wind, der mir – wie sollte es auch anders sein – voll ins Gesicht bläst. Des Weiteren war es mit Tageshöchstwerten von 10 Grad empfindlich kühl. Kein geeignetes Fotowetter, die Lichtverhältnisse erinnerten eher an einen Februartag. Trotz der widrigen Bedingungen kämpfe ich mich nach Ungarn durch. Die Stadtbesichtigung von Esztergom fällt auch ins Wasser. Für 2 – 3 den Umständen entsprechenden Fotos reicht es aber. Was soll ich heute noch schreiben? Ach ja – in Visegrad finde ich ein empfehlenswertes Restaurant mit typisch ungarischer Küche (lecker!) und ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, dass vielleicht morgen mal einer diesen seit Tagen nervenden Wind ab- und die Heizung in Form von Sonnenschein anstellt. Es wartet nämlich Budapest auf mich!

 

15.05.2010 – Visegrad – Vac – Szentendre – Budapest – Rackeve (123,71 Kilometer)

Der heutige Tag beginnt genau so eklig, wie der gestrige Tag aufgehört hatte. Die einzige Ausnahme ist der fehlende Regen. Dafür ist es aber bitterkalt. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es mit der Fähre ans andere Ufer und von dort nach Vac. Hier wechsele ich bei einer Bank erstmal die großen Forint-Scheine klein. Irgendwie hat bisher kein Mensch Wechselgeld und ständig schauen mich die Leute komisch an, wenn ich einen großen Schein auspacke. Schuld daran ist ja nur der Geldautomat. Von Vac setze ich wieder die andere Seite über und der Weg führt direkt nach Szentendre. Übrigens kommt jetzt auch endlich mal wieder die Sonne zum Vorschein. Auf mich wirkt diese Stadt ein wenig wie das ungarische Rüdesheim. Viele Touristen aus allen Herren Ländern und ein hübsches Stadtzentrum im altertümlichen Stil. Von Szentendre führt der Radweg direkt nach Budapest. Abschnittsweise wird das Rad und die Gepäcktaschen durch die üblen Schlaglöcher kräftigst geschüttelt. Bei solchen Wegen ist das Vorankommen ziemlich schwierig. Budapest hat wirklich wunderschöne Sehenswürdigkeiten. Trotzdem wirkt diese Stadt auf mich, wie ein Horrorfilm. Alles voller Baustellen, Lärm von Verkehr, lautes Presslufthämmern und permanentes Sirenengeheule von Feuerwehren und Krankenwagen (keine Ahnung ob heute irgendetwas Schlimmes passierte oder ob das immer so ist). Ich bin jedenfalls binnen Minuten so genervt, dass die einzige Entscheidung “Raus aus dieser Stadt” heißt. Die Budapest-Fans mögen mir das verzeihen, aber mit dem Rad sieht man so manches aus einer anderen Perspektive. Von Budapest aus entschließe ich mich, in Richtung Rackeve zu fahren. Eine gute Entscheidung. Mit Einbruch der Dunkelheit erreiche ich diesen Ort mit seinen sehr sympatischen Einwohnern (irgendwie scheint hier wirklich jeder zumindest etwas Deutsch zu sprechen). Sehr empfehlenswert ist die Pension direkt gegenüber vom Bahnhof. Schöne Zimmer zu angenehmen Preisen und ausgesprochen freundliches Personal. Mal sehen, wie weit es morgen geht. Vielleicht bis nach Kalocsa – der Paprikahauptstadt Ungarns.

 

16.05.2010 – Rackeve – Kalocsa (110,38 Kilometer)

Heute geht es später los. Da die Leute in Rackeve gestern alle sehr freundlich und kommunikativ waren, kam ich erst etwas später auf das Zimmer und konnte folglich den Tagesbericht erst kurz nach Mitternacht einstellen. Aber das ist ja letztlich kein Problem. Es geht heute um 9:40 Uhr los. Das erste Dorf, das durchfahren wird, heißt Lorev. Ein Dorf mit überwiegend serbischer Bevölkerung. Hier führt der Weg auf den Donaudamm. Es gibt Spurrillen, große Grasnarben – alles in allem ein sehr schlechter Weg, der jedoch auch unzählige gute Seiten hat. Ich bin vollkommen alleine, unzählige Rehe säumen den Weg, die beim Vorbeifahren in großen Sprüngen in den naheliegenden Wald flüchten und Störche, die zum Greifen nahe am Wegesrand stehen. Natur pur – und das alles nur wenige Kilometer von Budapest entfernt. Heute passiert mir beinahe ein folgenschwerer Fehler. Beim Eincremen mit Sonnenschutz gehen aus unerklärlichen Gründen die Arme vergessen. Dies fällt mir aber erst gegen 14.00 Uhr auf, als sich diese schon rosa wie ein Medium-Steak färben. Durch die bereits vorhandene Vorbräune wurde wohl Schlimmstes verhindert. Sehenswürdigkeiten stehen heute nicht auf dem Programm. Dafür bietet die Natur alles auf, was in irgendeiner Form möglich ist. Raubvögel, Eidechsen, Schmetterlinge und menschenleere Landschaften bilden einen schönen Kontrast zu den gestrigen Erlebnissen in Budapest. Ziel für den heutigen Tag ist Kalocsa, die Paprikahauptstadt von Ungarn. Nach langem Suchen finde ich endlich eine zahlbare Unterkunft. Teurer wie gestern in Rackeve und zusammen mit Tulln die schlechteste und schäbigste Unterkunft der ganzen Reise. Aber egal – für eine Nacht geht es. Am Abend lerne ich im Restaurant noch einen echten Donauschwaben kennen. Die Donauschwaben kamen im 18. Jahrhundert hier in die Region. Das Besondere war, das Paul exakt den gleichen schwierig zu verstehenden Dialekt spricht, den ich auf meiner Reise im Raum Sigmaringen gehört hatte. Diesen Dialekt erlernte er von seinen Eltern. Ungarn besticht bisher mit unglaublich netten und sympathischen Menschen. Da möchte man am liebsten gar nicht weiterfahren. Aber der Ruf der Donau ist nicht zu überhören. Morgen soll es bis Mohacs in der Nähe der kroatischen Grenze gehen.

 

17.05.2009 – Kalocsa – Mohacs (101,09 Kilometer)

Bei strahlendem Sonnenschein breche ich aus dieser Bruchbude bereits um kurz nach 8:00 Uhr in Richtung Fähre auf. Nach dem Übersetzen geht es auf Dammwegen weiter, die man heute sehr gut befahren kann. Alles ist wie gestern, nur heute gibt es nicht ganz so viele Rehe zu sehen. Dafür aber Millionen voller höchst aggressiver Stechmücken, die nur eins im Sinn haben: Menschenblut! Sie gewinnen den Kampf nicht immer. In der Nähe von den Auwäldern bin ich aber chancenlos. Wenn rundherum alles voller dieser augenscheinlich nutzlosen Tiere ist, kann man Ihnen nicht entkommen. Das beste Mittel gegen diese Viecher ist Radfahren und das möglichst ohne anzuhalten. So geht es heute mehr oder weniger den ganzen Tag. In Baja treffe ich einen Neuseeländer, der auf achtmonatiger Tour in Richtung Südostasien ist. Nach knappen 100 Kilometern ist Mohacs in Sicht. Aus taktischen Gründen bleibe ich heute hier, um meine letzten Forint auszugeben. Das Hotel, das mir Jugendliche empfehlen, sollte 9000 Forint kosten. Das gab von meiner Seite ein klares NEIN und nach einem kurzen Telefonat mit dem Chef sinkt der Preis auf 6000 Forint. Beim Betreten des Zimmers merkte ich, dass das ein Schnäppchenpreis ist. Es ist nämlich die beste Übernachtungsstätte der gesamten Reise. Bei Temperaturen von über 30 Grad machte das Sitzen vor den Restaurants aufgrund der Stechmückenplage keinen Spaß. Das sehen selbst die Einheimischen so. Für morgen steht übrigens mal wieder ein Grenzübertritt an. Es geht über die Schengen-Außengrenze nach Kroatien. Das bedeutet für mich, dass erstmals auch eine Passkontrolle zu passieren ist.

 

18.05.2009 – Mohacs – Vukovar (151,38 Kilometer)

Da ich in Kroatien nicht richtig ins Internet komme, gibt es heute nur eine Kurzfassung. Um 8:10 Uhr verlasse ich Mohacs in Richtung kroatischer Grenze. Der Grenzübertritt ist absolut problemlos. Danach geht es auf der gut markierten Ruta Dunav nach Batina und durch das Kopacki Rit nach Osijek. Wieder einmal bietet die Natur spektakuläre Höhepunkte. Noch nie zuvor habe ich Schwarzstörche gesehen und auch ein Raubvogel schwebt in etwa 5 Meter Entfernung vor meinem Rad. Zum Wetter gibt es nicht viel zu sagen: Makellos und irre heiß – Ergebnis: knapp 10 Liter Flüssigkeitsverbrauch auf 150 Kilometer. Das liegt fast im Bereich eines Kleinwagens. Da die Strecke bis auf das Naturschutzgebiet Kopacki Rit etwas langweilig und weit entfernt der Donau entlangführt, fahre ich bis Vukovar. Morgen laufen nur etwa 90 Kilometer bis Novi Sad und übermorgen sollte Belgrad folgen. Hoffen wir, dass ich ab morgen wieder den gewohnten Zugang zum Netz finde. An dieser Stelle einen Dank an meinen Bruder Michael, der den Eintrag heute per E-Mail empfing und in das Netz einstellte.

 

19.05.2009 – Vukovar – Novi Sad (105,49 Kilometer)

Der heutige Tag beginnt eigentlich so, wie der gestrige aufgehört hatte. Eine ungeheure Hitze und sonniges Wetter. Bereits um 9:50 Uhr zeigt das Thermometer 32 Grad an. Das Donauwasser ist mit 16 Grad erfrischend kühl. Nach einigen Fotos in der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt mache ich mich auf in Richtung Ilok. Hier gibt es eine Brücke mit Grenzübergang, der sich zum Überwechseln nach Serbien nur so anbietet. Die Grenzformalitäten werden auf beiden Seiten gleich schnell und freundlich erfüllt. Nach der Ortsdurchfahrt von Backa Palanka radele ich zunächst wie in Kroatien auf der Hauptstraße weiter. Nach 11km kann man auf einen Dammweg wechseln. Hier habe ich nochmals das Glück, einen schwarzen Storch zu sehen. Der Weg war an einem Abschnitt etwas schwierig zu finden. Hier sehen es auch gleich Stechmücken und Hunde auf mich ab. Es verläuft aber alles glücklich und keiner dieser Tiere tut mir etwas (zum Glück!). Die Einfahrt nach Novi Sad ist zumindest für das Männerauge ein Genuss. Überall spazieren hübsche und kurzberockte Damen umher. Wenn man auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft ist, hilft das natürlich auch nicht weiter. Diese finde ich erneut mit Glück und Dank der netten Bevölkerung noch vor der nahenden Gewitterfront. Heute wohne ich in einer Privatwohnung in einem Vorort von Novi Sad und mein Fahrrad schläft im Wohnzimmer. Draußen zucken übrigens gerade die Blitze. Dank meiner slowakischen Sprachkenntnisse kann ich hier vieles oder besser gesagt eigentlich alles Wichtige in der Landessprache abwickeln. Natürlich fällt mir das Verstehen noch etwas schwer. Da sich aber jeder mit mir sehr viel Mühe gibt, klappt das schon. Also eine Aussage kann ich jetzt schon treffen. Serbien gefällt mir in den ersten Stunden schon wesentlich besser als Kroatien. Vom Preis-Leistungs-Verhältnis empfand ich Kroatien sowieso schon fast für unverschämt teuer – und da war ich nicht einmal an der touristisch entwickelten Küste.

 

20.05.2009 – Novi Sad – Belgrad (102,44 Kilometer)

Am Morgen gehen heftige Gewitter nieder. Also heißt es zunächst bis 9:30 Uhr abwarten und erst dann geht es los in Richtung Belgrad, der letzten großen Donaumetropole. Der Abschnitt heute ist sehr kraftraubend. Es müssen die Ausläufer des Gebirgszugs Fruska Gora erklommen werden. Das bedeutet welliges Streckenprofil und gleich ein Anstieg von 200 Höhenmetern. Interessantes Zwischenziel ist Stary Slankomen. Hier gibt es für Europa einzigartige Lössformationen zu sehen und für die Zukunft plant man ein europäisches Löss-Museum. Danach führt die Strecke über wenig befahrene Nebenstraßen bis Batajnica vor die Tore Belgrads. Danach folgt die Einfahrt nach Belgrad in unglaublich viel Verkehr auf zu schmalen Straßen. Hier muss man das Fahrrad voll beherrschen und absolut konzentriert fahren. Aber es geht. Belgrad empfängt mich mit einer herrlichen Donau- und Save-Promenade. Überall laden Restaurants auf Pontons zum Rasten ein. Ich fotografiere etwas und suche ein Quartier. Da man in einer so großen Stadt mit hohen Hotelrechnungen rechnen muss, fällt die Entscheidung auf ein schäbiges Hostel. Nichts Besonderes, aber im Herzen der Stadt und bezahlbar. Der Stadtbummel ist nicht sonderlich schön, da sich wieder Gewitter entladen (wie meine Oma schon sagte: “Morgengewitter kommen abends wieder!”). Darüber hinaus erschwert noch eine scheinbar komplizierte Polizeilage das Vorwärtskommen. Alle 5 Meter war mindestens ein Schutzmann postiert und permanent werden Straßenzüge für den Verkehr gesperrt. Keine Ahnung warum, aber das bringe ich schon noch in Erfahrung. Morgen geht es weiter in Richtung Osten. Etwas hinter Smederovo möchte ich mir ein Wäldchen mit über 200 Jahre alten Eichen anschauen.

 

21.05.2009 – Belgrad – Kovin (107,44 Kilometer)

Erneut sind wieder viele Polizisten auf den Belgrader Straßen platziert und der Polizeihubschrauber fliegt eine Runde nach der anderen. Seit 25 Jahren hatte kein großer Politiker der Vereinigten Staaten von Amerika mehr Serbien besucht und genau an den beiden Tagen, wo ich in Belgrad bin, muss auch noch der Vizepräsident dieses Landes zu Gast sein. Das Ergebnis für mich im Einzelnen: Außer verstopften Straßen gar nichts. Dank eines Stadtplans und meinem Gefühl komme ich in etwa 20 Minuten zur Donaubrücke. Auf der anderen Seite erwartet mich wieder Natur pur. Auf schlecht befahrbaren Dammwegen bin ich wieder vollkommen alleine unterwegs. Mir begegnet sogar eine Schildkröte, die vor lauter Angst bei meinem Näherkommen verschreckt ihr Köpfchen unter ihrem Panzer versteckt. Dammwege halten heute schon etwas auf. Durch die Gewittergüsse der letzten Tage haben sich viele Pfützen gebildet und in schlammigen Passagen sinkt das Fahrrad ganz schön ein. Für weitere 25 Kilometer Dammweg benötige ich gute 2 Stunden. Danach ist die nächste Donaubrücke nach Smederovo erreicht. Auf der Brücke hupen entgegenkommende Lastwagen und ihre Fahrer winken mir freudig zu. In der Nähe von Kulic besuche ich das gestern erwähnte Eichenwäldchen. Wäldchen war vielleicht das falsche Wort. Aber etwa 40 – 50 zum Teil bis 300 Jahre alte Eichen sind auf jeden Fall ein imposanter Anblick. Von hier geht es zur Stadtbesichtigung nach Smederovo. Ein hübsches kleines Stadtzentrum überredet mich zu einer kurzen Rast. Auffallend ist die Ruhe, die Ordnung und die Sauberkeit – zudem noch viel Blumenschmuck – wie in der Heimat! Um auch weiterhin problemlos das Tagebuch führen zu können, besorge ich mir eine serbische Telefonkarte. Die Karte von Simyo geht seit Kroatien nicht mehr. Das Aktivieren des Internetzugangs funktioniert aber nur durch die tatkräftige Unterstützung meines Bruders. Die Übernachtung erfolgt heute in einer Kleinstadt namens Kovin. Für das Zimmer mit Dusche und WC, das reichhaltige und leckere Abendessen und drei große Getränke bezahle ich insgesamt nur umgerechnet 17 €. Wo bekommt man heute noch so viel Leistung für sein Geld? Morgen gibt es übrigens nur eine Mini-Etappe. Es stehen etwa 70km auf dem Programm. Auf der linken Flussseite wird mich ab morgen bereits Rumänien begrüßen.

 

22.05.2009 – Kovin – Vinci (87,12 Kilometer)

Ich stehe etwas später auf und beantwortete erst einmal alle ausstehenden E-Mails. Zum Frühstück gibt es eine doppelte Portion Palatschinken und einen Tee. Danach führt mich der Weg erneut an den Damm. Da heute Markt ist, kommt man vor lauter Ständen und Leuten kaum zum Ortsausgang durch. Ab dem Damm herrscht aber wieder komplett Ruhe. Keine Menschen, Stille und Natur. Aber bereits nach wenigen Metern fällt etwas auf, das erschreckt. Müll! Haufenweise Plastikflaschen, die hier in den Auen beim letzten Hochwasser einfach hängen geblieben sind. Das ist ein drastischer Einschnitt in diese schöne Natur. Wer räumt das weg? Wahrscheinlich niemand oder das nächste Hochwasser. Eine Frage an jeden Leser! Wollen wir es so weit kommen lassen und muss denn jeder seine Flasche in den Fluss werfen! Was bei uns mit der Verschmutzung beginnt, hört im Delta oder im offenen Meer auf. Wenn wir alle wegschauen, hilft es nichts. Einfacher wäre es nichts in den Fluss hineinzuwerfen – weder in Deutschland noch in Serbien oder anderswo. Der nächste Schrecken lässt nicht lange auf sich warten. Es ist ein Geräusch, das an einen fauchenden Drachen erinnert. Was sollte das wohl sein? Beim näheren Hinsehen ist es der Kiesbagger, der kräftig am Toben ist. Welch wandelnde Situation! Erst noch heile Umwelt und dann alles das, was sich keiner wünscht. Aber jetzt zurück zur Strecke. In Stara Palanka setze ich mit der Fähre ans andere Ufer über, um von dort in Richtung Silbersee zu kommen. Wartezeit gute zwei Stunden inklusiver netter Bekanntschaften. Nach dem Übersetzen mache ich mich auf in Richtung des Sees und Veliko Gradiste. Da ich dort keine geeignete Übernachtung finde, fahre ich bis Vinci – im Nachhinein eine schöne Entscheidung. Ich finde eine herrliche Unterkunft im Wald inklusive supersympathischer Serben (Deutsch sprechend) im Restaurant. Nach einem sehr leckeren Abendessen (ein Dank geht hierfür an Tanja – die Köchin) unterhalten wir uns noch sehr lange über Geschichte, Politik und alles Mögliche. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich heute sehr viel über Serbien lerne. Ein schweres Gewitter beendete aber unsere Kommunikation, die wir morgen wohl weiterführen werden. Eben ist aufgrund der nahen Einschläge sogar kurzfristig der Strom ausgefallen. Morgen wasche ich wohl meine Sachen durch und mache wirklich mal Pause! Verdient habe ich es ja, oder?

 

23.05.2009 – Ruhetag in der Nähe von Golubac (24,98 Kilometer)

Heute machte ich nicht viel. Ich wasche einige Sachen aus und studiere die weitere Wegstrecke. Am Nachmittag radele ich nach Golubac und der Festung. Ein gigantisches Bauwerk, das bis in die Donau hineinragt und die Straße führt mitten hindurch. Aufgrund des günstigen Sonnenstandes sind so optimale Fotos möglich. Morgen geht es dann endlich in den Donaudurchbruch hinein. Die Zeit drängt ein wenig, denn am Montag werde ich bereits in Negotin erwartet. Dank eines guten Geistes aus Frankfurt wird dort für mich eine Stadtführung und ein Empfang beim Bürgermeister organisiert. Das bedeutet wieder zwei längere Etappen, denn bis dorthin sind es noch knappe 250 Kilometer. Noch ein Hinweis an alle Leser: Aufgrund von Problemen beim Internetzugang ist eventuell mit einer verzögerten Aktualisierung des Tagebuchs zu rechnen. Also keine Sorgen machen. Hier in Serbien bin ich sehr gut aufgehoben.

 

 

24.05.2009 – Vinci – Djerdap-Nationalpark – Kladovo (135,17 Kilometer)

Das Tagebuch fordert wieder meine letzten Kräfte. Das Guthaben meiner serbischen Karte ist aufgebraucht, die Simyo-Karte hat zum wiederholten Male versagt – zum Glück ermöglichte eine deutsche Reservekarte den Zugang. Zu allem Unglück kann die serbische Karte nicht aufgeladen werden, da Sonntag ist und die meisten Geschäfte geschlossen haben. Der Tag sieht heute leider nicht so schön wie die letzten aus. Es ist bewölkt und das Wolkenbild verrät mir, dass es sich um die Ausläufer eines Tiefdrucksystems handelt. Es will doch nicht an so einem wichtigen Tag wie heute zu regnen anfangen? Na ja – um 8:50 Uhr geht es trotzdem los. Nach nur wenigen Minuten treffe ich auf eine Gruppe mit Franzosen. Wir kennen uns bereits aus Budapest. Später treffe ich auch noch die Tschechen von der Fähre am vergangenen Freitag und noch Belgier und zwei Deutsche, die auf der Reise von Antalya in die Heimat sind. Auf dem interessantesten Abschnitt ist man also nicht alleine. Ständig trifft man sich und wechselte ein paar Worte oder winkt sich einfach nur zu. Das Streckenprofil ist mal wieder ausgesprochen anspruchsvoll. Es gilt zwei große Anstiege mit jeweils 200 Höhenmetern und unzählige Wellen zu überwinden. Zumindest in den Anstiegen ist die Sonne heute stets präsent. Schwitz ;-). Zum Landschaftsbild blieb nur eins zu sagen: Es ist einfach gigantisch schön. Die Donau zwängt sich mit ungeheurer Mühe zwischen bis zu 600 Metern steil aufragenden Felsen hindurch. Hier an der schmalsten Stelle liegt Rumänien im Abstand von nur 150 Metern zum Greifen nah. Mit einer Tiefe von 90 Metern ist die Donau auch der tiefste Fluss der Welt. Immer wieder bieten sich spektakuläre Ausblicke, die dank der später herausschauenden Sonne auch schönste Fotos auf der Speicherkarte hinterlassen. Ständig muss man anhalten, um zu fotografieren. Der Donaudurchbruch am Eisernen Tor ist heute einer der schönsten Erlebnisse der gesamten Reise. So vergehen Kilometer um Kilometer und man merkt nur an der nahenden Nacht, dass man schon sehr lange unterwegs ist. Ich finde sogar noch ein Zimmer für 10 €. Dieses Zimmer gewinnt aber auch gleich den Spitzenplatz in der Kategorie “schäbigste Absteige der Reise”. Geht es noch schlimmer? Wer weiß? Morgen stehen aufgrund meiner speziellen Streckenführung etwa 100km auf dem Programm. Negotin wartet auf mich.

 

 

25.05.2009 – Kladovo – Radujevac – Negotin – Radujevac (121,27 Kilometer)

Die genauen Kilometer habe ich noch nicht ausgelesen, aber sie werden morgen nachgeliefert. Bitte habt mit den E-Mail-Antworten etwas Geduld. Gestern und heute gingen etwa 25 Stück! ein. Die Beantwortung erfolgt nach Eingang in den nächsten Tagen. Nun zum Tagesgeschehen: Luftlinie werden nur etwa 40 Kilometer zurückgelegt. Da die liebe Donau ein paar Schleifen zieht, sind es aber mindestens doppelt so viele Flusskilometer und dazu noch mit heftigen Steigungen bei knalliger Sonne. Kurz hinter Nove Selo attackiert mich ein übler Köter. Schon 50 Meter vor dem Grundstück kommt er wie ein Irrer auf mich zugerast. Das sieht übel aus. Im Eiltempo wende ich das Rad und eile davon – und dieses Vieh hinterher. Nur durch einen schnellen Sprint und wahrscheinlich Glück entkomme ich. Der Dank waren 150 Höhenmeter Extra-Anstieg, um diese Stelle zu umfahren. In Radujevac steht eine Pause auf dem Programm und eine Unterhaltung mit zwei Männern vor dem Geschäft. Sie erzählen mir, dass viele Dorfbewohner in Frankfurt a. M. wohnen. Darauf meine Antwort: Ich kenne sogar ein paar davon und eine heißt Adrijana! Darauf teilte mir der Geschäftsinhaber mit, dass er sie auch kenne – er eilt ans Telefon und ruft ihren Vater an, der bereits 5 Minuten später vorbeikommt und mich zu sich nach Hause einlädt. Welch freundlicher Empfang wird mir hier geboten und selbstverständlich verbringe ich hier heute auch die Nacht. Es wartet aber noch der Termin in Negotin auf mich. Also alles runter vom Rad und ab in die Stadt. Dort treffe ich mich mit Dejan, mit seiner Frau Bojana und deren Bruder Darko. Bei einem leckeren Grillteller unterhalten wir uns und besichtigen später noch die Stadt. Zum Einbruch der Dunkelheit um 20.00 Uhr (ja, soweit östlich bin ich schon) erreiche ich wieder meinen Ausgangspunkt Radujevac. Hier grillen wir mit den Nachbarn und sprechen über die vielen Probleme der Leute. Der Vater kann seine Tochter und den Enkel zum Beispiel nur nach der komplizierten Visabeantragung besuchen. Würde er nur einen Kilometer östlich in Rumaenien oder 10 Kilometer südlich in Bulgarien wohnen, hätte er als EU-Bürger damit keine Probleme. Als Serbe hat er aufgrund seiner Staatsangehörigkeit aber einfach nur Pech gehabt. Hoffen wir für ihn, dass sich das bald ändert (Anmerkung: Es hat sich geändert! Seit 19.12.2009 dürfen serbische Staatsangehörige mit biometrischem Reisepass visafrei einreisen). Die Muttersprache der Leute ist hier übrigens rumänisch – im Mix mit Serbisch – sehr interessant.

 

26.05.2009 – Radujevac – Negotin – Vidin (93,64 Kilometer)

Da ich mir noch Notizen für den großen Tagesbericht machen muss, stand wieder frühes Aufstehen auf dem Programm. Es gibt wieder ein fantastisches Frühstück. Die liebenswerte Baba Rosa (die Oma von Adrijana) macht Spiegeleier von den eigenen Hühnern. Sie backt sogar noch alle 2 – 3 Tage das Brot selbst und das schmeckt übrigens unbeschreiblich gut. Ob man es glaubt oder nicht – ich bin schon etwas traurig, als ich aufbreche – aber Adrijanas Vater werde ich ja mit Sicherheit bei seinem nächsten Deutschlandbesuch wiedersehen. Gegen 9:50 Uhr geht es in Richtung Negotin, wo bereits Bojana und Dejan auf mich warten. Sie zeigen mir zunächst noch das Elektrizitätswerk Djerdap 2 und das Kloster Bukovo. Wenn man hier falsch bekleidet ist, lässt der Mönch die Gäste nicht passieren. Das heißt: Männer nur in langen Hosen und Frauen nur mit langem Beinkleid und bedeckten Armen. Ja, so streng sind sie, die orthodoxen Mönche. Nach einem Mittagessen breche ich gegen 13:40 Uhr in Richtung Grenze auf. Das macht mit vollem Bauch nicht sonderlich viel Spaß. Da zieht sich am Anfang jeder Kilometer. An der Grenze stressen zunächst die serbischen Grenzpolizisten. Sie wollen Dokumente von mir, die ich nicht kenne und fragen nach meinen häufigen Aufenthalten in der Republik Moldau. Meine Empfehlung: Mal einen Atlas in die Hand nehmen und die Stempel und deren Datum genauer betrachten. Das würde helfen. Nach längerem Zirkus lassen sie mich ausreisen. Die Bulgaren sind aber nicht besser. Auf dumme Fragen folgen von meiner Seite Fakten. Ich zeige ihnen meinen Tachometer mit über 3100 Kilometer und schon heißt es: Bitte weiterfahren! Ohne einen bulgarischen Einreisestempel will ich aber nicht weiter. Den gibt es auch und zudem folgenden Kommentar vom Zöllner: Der Grenzstempel ist ein Souvenir von uns – können Sie uns nicht auch ein Souvenir von sich geben – oh nein Entschuldigung: Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt! Die Grenzpolizisten schütteln nur den Kopf. Weiter geht es auf sehr welligem Profil an der Donau entlang in Richtung Vidin. Mir fehlt die Stunde Zeit, die man mir an der Grenze gestohlen hatte (das war aber die normale Zeitverschiebung! – also alles legal). Gegen 20:00 Uhr erreiche ich Vidin. Ich glaube, dass ich Serbien vermissen werde. Jetzt hatte ich mich doch so an die Sprache gewöhnt.

 

 

27.05.2009 – Vidin – Orjahovo (135,66 Kilometer)

Bulgarien hat im Vergleich zu den bisher durchfahrenen Ländern einen großen Nachteil. Die Unterkunftsmöglichkeiten liegen oft sehr weit auseinander, sodass sich die Tagesetappen etwas vergrößern. Mit ein paar Ausnahmen wird das bis zum Donaudelta so bleiben. Zum Wetter gibt es heute nicht viel zu sagen. Wie jeden Tag sonnig und heiß. Da der Wind seit gestern wieder mäßig bis kräftig aus östlichen Richtungen weht (wer sagt es denn, genau meine Fahrtrichtung), war es heute wieder einmal nicht einfach. Der Morgen fängt so schön mit einer Stadtbesichtigung von Vidin an. Auf den zweiten Blick ist Vidin gar nicht so schlecht. Eine Donaupromenade mit Park lädt zum Verweilen ein und Restaurants an Land und auf dem Wasser bewerben ihre Fischspezialitäten (lecker ;-)). Es gibt eine schöne Fußgängerzone und eine mächtige Festungsanlage zu sehen. Auf dem Weg liegt auch die erste große Moschee, die sich friedlich direkt gegenüber der orthodoxen Kirche befindet. Nach dem Frühstück starte ich um 10:00 Uhr gen Osten. Zum Streckenprofil: Seit Tagen werde ich nicht mehr von so vielen aggressiven Steigungen geplagt + sehr schlechte Strassen, Hitze, Staub, Gegenwind! Es ist heute so richtig kernig und sogar mein Hotel liegt 50 Meter über der Donau. Zu sehen gibt es nicht viel Interessantes. Viele überfahrene Schlangen in allen Größen. Am beeindruckendsten ist wohl der Atommeiler von Kozloduj. Aus den Medien könnte man diesen sogar in Deutschland kennen. Bei der Vorbeifahrt kann man das Brummen von Generatoren hören und die Reaktoren liegen zum Greifen nah in scheinbar ungeschützten Hallen. Alles sieht so alt und unsicher aus. Mich überfällt schon ein etwas schauriges Gefühl. Vor allem wenn man weiß, dass in der Ukraine derselbe Reaktortyp in die Luft flog. Positiv fallen mir die vielen Storchennester an der Strecke auf und manchmal schauen sogar schon die Jungtiere über dem Nestrand heraus. Zum weiteren Streckenverlauf: Bis Ruse werde ich mich jetzt in 2 Tagen durchbeißen. Das Höhlenkloster von Ivanovo und das Naturschutzgebiet Rusenski Lom schaue ich mir in einer Extraetappe (voraussichtlich am Wochenende) an. Wenn weiterhin alles so gut klappt, kann in einer Woche bereits der rumänische Teil des Donaudeltas erreicht sein. Drückt mir also bitte die Daumen und schaltet den Gegenwind ab ;-).

 

28.05.2009 – Oryahovo – Belene (146,63 Kilometer)

Da es an meiner Übernachtungsstätte kein Frühstück gibt, komme ich bereits um 8:00 Uhr los. Bergauf ins Zentrum, Einkaufen, Frühstücken und wieder runterfahren. Das ist vielleicht ärgerlich. Vom Streckenprofil geht es heute genau so weiter, wie es gestern aufgehört hatte. Bergauf, weiter und steiler bergauf und nach kurzer Abfahrt sofort wieder hoch. Ächz! Das ist vielleicht anstrengend. In der kleinen Stadt Ostrov (sollte auf Bulgarisch eigentlich auch Insel heißen) beginnt der steilste Aufstieg des Tages. Auf etwa 1,5km steigt die Straße 160 Höhenmeter hinauf. Es ist stellenweise so hart, dass ich 4-mal! anhalten muss. Einmal kommt sogar eine ältere Frau zu mir und reicht Kekse zur Stärkung. Vorteil dieser Anstiege sind zweifelsfrei die tollen Aussichten auf die Donau. Mir wird heute auch klar, warum die meisten oder eigentlich alle, die ich traf, auf der rumänischen Seite fahren. Die Strecke ist zu anspruchsvoll. Des Öfteren muss auch ich die Zähne zusammenbeißen, um in Belene anzukommen. Unterwegs begegnet mir heute Steve in seinem Auto. Er ist Brite und wohnt hier in einem kleinen Dorf. Er vermietet Kajaks und teilt mit mir die Meinung, dass es sich hier um eine der ärmsten Gegenden Bulgariens handelt. Auch die Straßen sind in dieser Ecke wieder in einem erbärmlichen Zustand. Wenn sie nicht gerade in Reparatur (Remont!) sind, haben sie so große Schlaglöcher, dass man permanent mit vollster Konzentration fahren muss, um nicht hineinzufahren. Vor allem bei den Abfahrten muss man höllisch aufpassen. Bei dem schwachen Verkehr ist man auch des Öfteren dazu gezwungen, die komplette Straße zum Umfahren der riesigen Löcher zu nutzen. Ziel des Tages ist Belene. Eine weitere Atomstadt. Es gibt hier ein Hotel namens “Energy” und in meinem Restaurant wird das Essen auf Tellern mit Logo des Kraftwerksbetreibers serviert. Hier scheint wohl Geld zu fließen, um die Leute glücklich zu machen und so von den Gefahren russischer Reaktoren abzulenken. Ansonsten gibt es noch eine Neuigkeit zu vermelden. Der Wind hatte am Abend gedreht. Er weht jetzt aus West und die Wolken kündigen einen Frontdurchzug an. Der Wind könnte morgen günstig für mich wehen – vielleicht bringt die Wetterlage aber auch Niederschläge mit. Morgen geht es bis Ruse – das sind knappe 120 Kilometer. Langsam aber sicher nähere ich mich dem Donaudelta und dem Schwarzen Meer.

 

29.05.2009 – Belene – Ruse (126,18 Kilometer)

Über Nacht ist etwas Regen gefallen und der Tag beginnt nicht sehr verheißungsvoll. Es ist heute empfindlich kühl – na ja etwa 20 Grad. Die ersten 20 Kilometer sind zum Einrollen optimal. Absolut flach und kräftiger Rückenwind. So könnte es den ganzen Tag bleiben. So bleibt es aber nicht! Die Steigungen rufen schon förmlich nach mir: “Komm Martin, komm – fahr uns mit Deinem schweren Gepäck!” – und ich höre auf das Rufen. Kurz hinter Svishtov ist übrigens der südlichste Punkt erreicht – es ist der Gegenpol zu Regensburg mit dem nördlichsten Punkt der Donau. Die Strecke führt mich aber noch etwas weiter gen Süden. Es folgen abenteuerliche Abschnitte ohne Weg, steile Grashänge, die geschoben werden müssen (trotz des Gepäcks drehen beim Treten die Reifen durch) und eine schwankende baufällige Hängebrücke über die Jantra. Die wackelt vielleicht! Der starke Wind aus Südwest zeigt sich nicht nur nützlich. Am schönsten sind bei alle dem die Ausblicke auf das Jantra-Tal mit den mächtigen Mäandern und den Felswänden. Hier könnte man herrlich Boot fahren – und Steve vermietet welche! Das nächste Mal! Ruse wird heute zur Stadt meiner Träume und Albträume zugleich. Noch nie auf dieser Tour habe ich mich so sehr auf das verfluchte Ortsschild gefreut. Das liegt nicht an den hübschen Mädchen, sondern an den fiesen und kräftezehrenden Aufstiegen. 200 Meter hoch – 80 Meter runter – 110 Meter hoch – 70 Meter runter – 80 Meter hoch und so weiter – ich denke ich spinne. Immer wieder versteckt sich eine süße kleine Kuppe hinter der nächsten Anhöhe – und wenn es auch nur 50 Höhenmeter waren. Auf den letzten gut 400 Kilometern seit Vidin zeigt mir Bulgarien, was Fahrradfahren sein kann. Nicht immer nur Spaß. Vom Streckenprofil ist es mit Abstand das bisher anspruchsvollste Land. Das Wetter macht mir etwas Kummer. Während der Fahrt hat es ja immer mal wieder leicht geregnet. Die Wolken verraten momentan auch nichts Gutes. Hoffentlich ist das Tief morgen durch. Es steht nämlich eine Besichtigung des Höhlenklosters von Ivanovo auf dem Programm. Berge kommen natürlich auch wieder. Bei etwa 80km sollte das verkraftbar sein. Heute bin ich aber schon ganz schön geschafft. Das Abendessen wird übrigens gerade auf einem Schiff auf der Donau serviert! Wie entspannend und angenehm!

 

30.05.2010 – Rusenski Lom (85,63 Kilometer)

Das Wetter hat sich über Nacht nicht wesentlich verbessert. Wechselnde Bewölkung mit Altokumulus-Wolken lassen nur selten ein paar Lücken für die Sonne übrig. Wie soll es auch anders sein, wenn die Natur mit schönen Landschaften auf mich wartet. Mit nur einer Sattel- und der Lenkertasche geht es in die Berge. Das Hochfahren fällt mir so wesentlich leichter und nach etwa zwei Stunden habe ich bereits Cherven erreicht. Es bieten sich hier fantastische Ausblicke auf die Stadt und die Felsenlandschaften. Auf einem dieser Berge stehen die Ruinen der ehemaligen Zitadelle aus dem 6. Jahrhundert, die man auch besichtigen kann. Von hier aus will ich im Flusstal in Richtung Ivanovo zurückfahren. Der Weg wird zu einem Pfad, der später im hohen Gras kaum noch sichtbar ist. Nur langsam komme ich bis zur nächsten Ortschaft voran. Ich weiß nicht, ob die Leute dort mir nicht weiterhelfen können oder wollen. Niemand erklärt den Weg durch das Tal (trotz hartnäckigem Nachfragen: Geht nicht!). Alle schicken mich über den Berg nach Ivanovo. Na gut – wieder hoch auf den Berg, weiter nach Ivanovo und hier wieder runter ins Flusstal. Hier kann man noch eine Höhlenkirche zu besichtigen, die sogar von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Natürlich ist von dieser Seite der Wanderweg durch das Flusstal super zu sehen. Es gibt ihn also doch – auf der Karte war er ja auch drauf – aufgrund des Maßstabs aber schlecht zu finden. Egal! Das Kirchlein in 38 Meter Höhe stammt aus dem 13. Jht. und ist mit schönen Wandmalereien verziert, die angeblich im 14. Jht. angelegt wurden. Genau in dem Moment, als ich die Kirche betrete, beginnt es wolkenbruchartig zu regnen. Zum Glück ist es nur ein Schauer. Die Wolken verraten aber, dass weiterer Regen vor der Tür steht. Mit dieser Vorhersage habe ich recht. Beim Einfahren nach Ruse setzt wieder heftiger Regen ein, der aktuell noch anhält. Bulgarien bietet mir auch heute wieder etwas Besonderes. Vorhin spürte ich den heftigsten Seitenwind mit Böen, die einem fast von der Straße wehten. Insgesamt habe ich auch heute wieder etwa 600 Höhenmeter erklommen. Auf der morgigen Fahrt (hoffentlich wieder bei besserem Wetter) sollen die Anstiege etwas geringer ausfallen. Aber sie kommen wieder! Das ist sicher. Auf der Karte sind eine ganze Menge Steigungspfeile eingezeichnet. Aber die können mir nach 4 Tagen Bulgarienaufenthalt auch nichts mehr anhaben. Man gewöhnt sich an alles.

 

31.05.2009 – Ruse – Silistra (151,5 Kilometer)

Da ich heute sehr spät in Silistra ankomme, gibt es nur eine Kurzfassung. Es sind letztendlich mehr Kilometer, die Anstiege toppen wieder mal das Erwartete und die Wege sind bis auf die Hauptverbindungsstraße meist in einem erbarmungslos schlechten Zustand. Mal zugewuchert, ausgefahren, schlammig usw. Aber die Aussichten auf den Fluss entschädigen für vieles. Vom Wetter hätte es nicht besser sein können. Sonnig, nicht zu heiß und den Wind im Rücken. Um 20:30 Uhr erreiche ich im letzten Licht Silistra und finde nur mit Mühe eine zahlbare Unterkunft. Die Bedienung im Restaurant unterhält sich mit mir und so erfahre ich von den vielen Problemen, die die Leute hier haben. Nur mit 2 Jobs kommt man auf etwa 250 € Monatslohn und kann dann so gerade überleben – und das bei 11 Stunden Arbeit am Tag. Da ist einem schon klar, warum es so viele nach Westeuropa zieht. Morgen wartet wieder ein großes Stück Arbeit auf mich. Es soll möglichst bis Harsova in Rumänien gehen. Die ersten Kilometer in Rumänien haben wohl den bulgarischen Stil. Bergauf und bergab. Danach geht es flach weiter. Mittwoch oder Donnerstag möchte ich Tulcea und das Donaudelta erreicht haben. Schauen wir mal!

 

01.06.2009 – Silistra – Cernavoda (124,08 Kilometer)

Das Streckenprofil ist schon wieder die absolute Hölle. Es geht mit den Anstiegen immer so weiter. Anders ist es auch nicht zu erwarten, denn Landschaftsformen wie die Dobrudscha machen vor Landesgrenzen keinen Halt. Der Grenzübergang versteckt sich in einer Nebenstraße der Silistraer Hochhaussiedlung. Es gibt nur mich an der Grenze, sodass sich das Warten auf fünf Minuten beschränkt (und nur deswegen, weil ich vom rumänischen Grenzer einen Einreisestempel wollte und er sich zunächst hartnäckig ziert). Die Straße ist ab jetzt wieder sehr schlecht. Will Rumänien wirklich den Titel für die schlechtesten Wege gewinnen? Pflastersteine wechseln mit alten Betonplatten und Asphalt gibt es nur meterweise. Dafür umfahre ich Schlaglöcher in allen Größen und Formen. Der Wind hat wieder einmal gedreht und weht früh aus Südost und später aus Nordost. Wer sagte es denn – mir wieder genau ins Gesicht. Die Anstiege rauben mir in Zusammenarbeit mit dem Gegenwind die letzten Kräfte. Und es gibt noch ein großes Problem. Wie in Kroatien und Bulgarien habe ich keine Gelegenheit zum Geld besorgen und über den Tag gehen mir Essen und Trinken so langsam aber sicher aus. Die Anstiege zeichnen sich hier nicht durch ihre Höhe aus. Es ist der konstante Höhenunterschied von jeweils 80 bis 100 Metern und das in steilen Rampen von jeweils meistens etwa 10%. Das macht bei einer Steigung gar nichts und bei fünf nur wenig aus. Da die Steigungsanzahl aber heute mal wieder im zweistelligen Bereich liegt, schwinden mir zusehends die Kräfte. Es gibt ja auch keine Gelegenheit ein paar Kilometer flach zu fahren. Es ist wie eine Berg- und Talbahn. Oben angekommen geht es sofort in die Abfahrt und umgekehrt. Gerne wäre ich heute noch 55 Kilometer weitergefahren, um morgen aus dem Gefahrenbereich einer Gewitterzone herauszufahren. Es geht einfach nicht! Der Akku ist absolut leer. So stoppe ich in Cernavoda und finde auch schnell ein luxuriöses Hotel. Hoffentlich komme ich morgen früh gut in die Gänge. Meistens weht der Wind früh nur schwach und frischt mittags auf. So ist es zumindest in den letzten Tagen. Morgen soll es möglichst weit an Tulcea, dem Tor zum Donaudelta, herangehen. Ganz ist es nicht zu schaffen, denn dafür fehlen noch 220 Kilometer. Aber vor den Gewittern am Nachmittag sollen wieder gute 100Kilometer abgeradelt sein.

 

02.06.2009 – Cernavoda – Macin – Braila (168,33 Kilometer)

Da auch heute wieder eine besonders lange Etappe auf dem Programm stand und ich witterungsbedingt erst um kurz nach 21:00 Uhr eine Unterkunft hatte, gibt es heute nur eine Kurzform des Tagebuchs. Das Streckenprofil beginnt in Cernavoda ähnlich anspruchsvoll wie gestern. Ständig heftige Anstiege, die im Verlauf des Tages aber nicht mehr ganz so lange sind. Gegen Mittag habe ich Harsova erreicht. Eine Stadt, die vor bettelnden Zigeunern nur so wimmelt. Beinahe hat mir einer von denen sogar meine Radhose gestohlen, die ich zum Trocknen an den Expandern eingeklemmt habe. So etwas ist selbst mir in Rumänien bisher nicht passiert. Zum Nachmittag wird das Streckenprofil angenehmer. Nur der kräftige Ostwind nervt und hält mich immer wieder auf. Die erste Gewitterfront streift mich heute nur. Bei der zweiten Front bin ich bereits im Hotel. Im Fernsehen sieht man die Schäden, die das Nachmittagsgewitter unter anderem in der Hauptstadt angerichtet hat. Noch ein Wort zu den rumänischen Hunden: Ich glaube, dass die meisten psychische Störungen haben und deswegen gerne Radfahrer angreifen. Diese Köter wiegeln ihre Kumpels noch auf und nicht selten hat man 5 und mehr dieser Viecher am Hals. Weiterfahren ist zwecklos. Da folgt stets die nächste Attacke. Mittlerweile steige ich bei Hundeangriffen ab und stoße mit dem Rad in Richtung Hund. Dies vermittelt Respekt und ich kann die Gefahrenstellen (wenn auch manchmal mühsam) passieren. Morgen kommen noch knappe 100 Kilometer bis Tulcea. Dies ist der Eingang zum Donaudelta.

 

03.06.2009 – Braila – Macin – Tulcea – Sulina am Schwarzen Meer (101,26 Kilometer)

Nach den schweren Gewittern der letzten Nacht ist es wieder schön. Mit der Fähre geht es von Braila auf die andere Flussseite. Die ersten 20 Kilometer kann man sich gemütlich in Ruhe warmfahren. Danach ist wieder Schluss mit dem flachen Terrain. Die Hügel mit ihren Anstiegen rücken wieder in den Mittelpunkt der heutigen Etappe. Die steilen Rampen mit in der Regel 10%-Steigungen werden mit zunehmender Kilometerzahl auch immer länger. Als Krönung gibt es einen 150-Höhenmeter-Pass. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wenn man aber bedenkt, dass ich seit über einer Woche in solch anstrengendem Terrain unterwegs bin, ist es vom Gefühl her wieder einmal die Hölle. Irgendwann am Tag schwinden dann auch wieder meine Kräfte. Ziemlich erschöpft erreiche ich um kurz vor 16:00 Uhr Tulcea. Diese Stadt ist das Eingangstor zum Donaudelta. Von hier gibt es auch keine durchgängige Straße mehr bis zum Schwarzen Meer. Gezwungenermaßen muss ich von hier das einzige auf der Strecke erlaubte Hilfsmittel in Anspruch nehmen. Mit einem Tragflügelboot geht es die letzten etwa 60 Kilometer nach Sulina. Hier ist er, der offizielle “0″-Punkt der Donau. Hier endet sie und fließt ins Schwarze Meer aus. Aufgrund der außerordentlich anspruchsvollen Etappen in den letzten Tagen, entschließe ich mich für einen Tag Pause. Da kann sich mein Körper etwas erholen und es bleibt Zeit für unvergessliche Erinnerungsfotos. Wer aber jetzt denkt, dass meine Reise zu Ende ist, der irrt sich. Die Donau hat mit der Republik Moldau und der Ukraine noch zwei weitere Anrainerstaaten. Am ukrainischen Ufer kann man außerdem bis zum Schwarzen Meer mit eigener Kraft fahren. Dort ist für mich der offizielle Schlusspunkt der Donaureise. Von diesem Ort erfolgt mit dem Fahrrad nur noch die Abfahrt über Odessa nach Ochakiv. In Odessa wird mich mein Freund Oleg erwarten. Da die Ukraine auf der heutigen Etappe bereits zum Greifen nah lag, habe ich ihn problemlos mit der ukrainischen Mobilfunkkarte erreichen können. Noch etwas zum Thema Kilometer: Eigentlich waren bis Ochakiv 4227 Kilometer veranschlagt. Diese Zahl wurde bereits heute fast erreicht. Es kommen also bestimmt noch etwa 500 Kilometer dazu.

 

04.06.2009 – Ruhetag in Sulina (14,88 Kilometer)

Viel gibt es heute nicht zu berichten. Mit Gerhard aus Linz mache ich heute Morgen einen kleinen gemütlichen Frühschoppen, wo wir gemeinsam auf unsere Leistungen anstoßen. Nach der Verabschiedung folgt dank Gerhards Idee und Mithilfe ein Bootsausflug. Ich fahre mit einer kleinen Zille zusammen mit meinen Rad und Gepäck den Kanal von Sulina hinaus direkt ins Schwarze Meer. Es war also eine echte Punktlandung. Die Dünung des Meeres ließ die Zille ganz schön schaukeln. Die Krönung bildet der Ausstieg am Schild mit der magischen Zahl “0″. Das Fahrrad wird mit Gepäck an das Schild gestellt und das wohl wichtigste Foto der gesamten Reise geschossen. Das ist ein Moment der mich außerordentlich befriedigt und mit Stolz auf die erbrachten Mühen in den letzten Wochen zurückblicken lässt. Der Ruhetag lohnt sich also doppelt. Erholung für den Körper und Befriedigung der Seele. Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Gerhard aus Linz, der auf diese fantastische Idee mit dem Bootsausflug überhaupt erst kam. Morgen früh fahre ich mit dem Schiff zurück nach Tulcea. Von dort folgt die gestrige Etappe (ächz!) in umgekehrter Reihenfolge bis Galati. Ich muss wieder fahren. Ein Ruhetag reichte aus, um die Akkus aufzuladen. Vielleicht wird mich meine Reise mit einem Abstecher noch nach Cahul in der Republik Moldau führen. Zeit genug ist ja und da würde die Republik Moldau nicht ganz zu kurz kommen. Eine Nacht dort hätte sie schon verdient, oder?

 

 

 

05.06.2009 – Sulina – Tulcea – Revarsarea und zurück nach Tulcea mit dem Auto (45,52 Kilometer)

Heute schreibe ich nicht viel. Nach einem überraschenden Achsenbruch am Hinterrad habe ich keine Stimmung auf das Tagebuch. Das Fahrrad steht momentan in einer Werkstatt. Ein Ersatzteil gibt es weder hier und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist selbst in Deutschland keins aufzutreiben. Ob die Reise weitergeht, steht momentan noch in den Sternen. Die Entscheidung fällt morgen früh. Entweder kann das Fahrrad in irgendeiner Weise fahrtüchtig gemacht werden oder es geht mit dem Zug zurück nach Deutschland.

 

06.06.2009 – Fahrradreparatur in Tulcea

Ein sehr anstrengender Tag wartet auf mich und die Gefühle wechseln fast im Minutentakt. Ist eine Lösung gefunden, muss sie bereits kurze Zeit später wieder verworfen werden. Alles in allem eine sehr komplizierte Geschichte, die hier den Rahmen sprengen würde. Zu einem späteren Zeitpunkt sind die Details in meinen großen schriftlichen Aufzeichnungen nachzulesen. Zu meinem Fahrrad kann ich nur so viel sagen: Es fährt am Nachmittag wieder – bei Weitem nicht so gut wie vorher, aber mit etwas Glück kann ich mein Ziel damit erreichen. Der Mechaniker gab sein Bestes und konnte nur mit viel Glück ein neues Laufrad besorgen. Da das alte Laufrad mit der komplizierten Spezialnabe bestückt ist und dafür selbst in Deutschland kein Ersatz mehr zu bekommen ist, landet es jetzt auf dem Müll. Das Werk ist etwa gegen 14:00 Uhr vollbracht. Zu dieser Zeit macht es keinen Sinn mehr, in Richtung Galati aufzubrechen. Die Zeit nutze ich für das Beantworten von E-Mails und auch ein paar Fotos schieße ich noch im Hafen. Morgen werde ich einen neuen Anlauf in Richtung Galati, Republik Moldau und die Ukraine nehmen. Der kleine Pass muss jetzt schon zum dritten Mal gefahren werden. Jetzt ist es wohl noch härter. Mein Rad hat nur noch 7 Gänge und auch die Übersetzungen sind nicht mehr so, wie sie vorher waren. Drückt mir bitte alle die Daumen, dass ich wenigstens heil bis zur ukrainischen Donaumündung in Vilkove komme. Das Ziel in Ochakiv wäre dann schon die Krönung des Glücks.

 

07.06.2009 – Tulcea – Galati – Giurgiulesti – Reni (105,89 Kilometer)

Das neue Hinterrad hat heute seinen ersten Einsatz. Es schlägt sich tapfer. Mit nur 7 Gängen und einer insgesamt wesentlich schlechteren Übersetzung muss man sich die Anstiege regelrecht hochdrücken. Den Pass mit dem längeren Anstieg von 10% schiebe ich sogar. Aber egal – das Rad läuft und bringt mich dem Ziel wieder einen gewaltigen Schritt näher. Ein letztes Mal geht es mit der Fähre nach Galati ans andere Ufer. Auf dieser Seite werde ich jetzt bleiben, bis das Schwarze Meer zum nächsten Mal erreicht ist. Galati kann man heute bei einer Hitze von etwa 35 Grad auf einer Uferstraße mehr oder weniger umfahren, sodass man nicht ins Zentrum muss. Bei dieser Wärme bilden sich riesige Salzränder am Trikot, die auf einen enormen Flüssigkeitsverlust hindeuten. Das Land Nr. 9, die Republik Moldau, steht jetzt auf dem Programm. Aber vorher hole ich mir vom rumänischen Grenzpolizisten noch einen Ausreisestempel ab, den er mir nur widerwillig und nach längerem Zögern gibt. Somit habe ich jetzt wenigstens von jeder Grenzstelle ab Verlassen des Schengenraums einen Aus- beziehungsweise Einreisestempel im Pass. Am Grenzübergang lerne ich Nina und Felix aus Deutschland kennen. Sie haben bei der Einreise in die Republik Moldau Probleme mit Ninas Motorrad, das auf den Vater zugelassen ist und auf der Vollmacht fehlt ein offizieller Behördenstempel. Sie haben Glück! Da heute Europawahl ist, liegt im Heimatort ein Siegel bereit und das Dokument wird so per Telefax und offiziellem Siegel gefaxt. Eigentlich sinnlos, denn die Vollmacht ist auf Deutsch und das kann hier sowieso niemand lesen. Für mich dauern die Einreiseformalitäten etwa 30 Sekunden und ich ziehe mit dem Rad an allen Autos vorbei. Jetzt stehen ein paar Fotos mit der Donau an. Viel gibt es nicht zu sehen und nach etwa 1 km kommt bereits die nächste Grenze. Nach etwa 20 Minuten ist es dann endlich so weit. Es erfolgt die bereits so lang ersehnte Einreise in die Ukraine, meinem 10. und letzten Land auf dieser Reise. Ein für mich bewegender Moment, der nur dank dem außergewöhnlichen Einsatz von Tudor Uncu (meinem Mechaniker aus Tulcea) ermöglicht wurde. Heute bleibe ich in Reni und morgen geht es die Donau entlang bis möglichst weit an Vilkove heran – hier endet mein Fluss auf ukrainischer Seite.

 

08.06.2009 – Reni – Vilkove (156,41 Kilometer)

Mir geht es gut und ich bin am Ende meiner Donautour angekommen. Da ich heute an der Donau zelte und keinen Zugriff auf Strom habe, kann ich nicht viel Schreiben – außer: Ich bin glücklich, dass ich mein Ziel erreicht habe und mit Gerhard und Richard aus Deutschland habe ich auf die Donau und unsere Radtour mit Sekt und Tuica angestoßen. Es ist ein herrliches Gefühl den längsten Strom Mitteleuropas von dem entferntesten Punkt (Bregquelle am Kolmenhof) bis zum weitest fahrbaren Ort in Vilkovo aus eigener Kraft zurückgelegt zu haben. Jetzt fehlt nur noch die Abfahrt nach Ochakiv. Morgen werden wir zu dritt in Richtung Odessa aufbrechen. Das Fahrrad läuft prima, wenn es keine Steigungen gibt. Die Moskitos nerven und die Frösche quaken mit einer Lautstärke von etwa 50 Dezibel.

 

 

09.06.2009 – Vilkove – Kurortnoe (118,41 Kilometer)

Die Berichterstattung für heute werde ich nachliefern. Schaffe es momentan aus Zeitgründen nicht. Morgen geht es bis Odessa und übermorgen ans Ziel nach Ochakiv. Bleibt weiter dran am Tagebuch. Es fehlen noch etwa 260km bis zum Ziel.

 

 

10.06.2009 – Kurortnoe – Odessa (118,32 Kilometer)

Bitte nicht böse sein, aber auch den heutigen Tag schreibe ich nicht viel. Seit 2 Tagen bin ich mit Richard und Gerhard aus Niedersachsen unterwegs und jeden Abend tauschen wir intensiv Gedanken aus, sodass für das Online-Tagebuch kaum Zeit bleibt. Ich verspreche Euch aber, dass kein Detail verloren geht und ich spätestens ab Samstag alle wichtigen Sachen nachtrage. Die wichtigste Info von heute: Wir haben in einer weiteren Hitzeetappe Odessa erreicht. Das soll erst mal einer nachmachen. Für mich geht es morgen auf die letzte große Etappe nach Ochakiv. Es fehlen noch runde 150 Kilometer. Das wird noch ein harter Brocken!!!

 

11.06.2009 – Odessa – Ochakiv (156,2 Kilometer)

Die letzte Etappe steht heute auf dem Programm und natürlich die Verabschiedung von Richard und Gerhard. Mit ihnen war ich seit Vilkovo unterwegs. Gemeinsam haben wir von der Orientierung her den schwersten Teil der gesamten Strecke bewältigt. Die beiden fliegen morgen von Odessa zurück nach Deutschland. Odessa ist von der Fläche eine gigantische Stadt. Von unserer Unterkunft bis zum Ende der Stadt im Osten vergehen über 90 Minuten. Der Verkehr ist heute ungeheuerlich und man fühlte sich beinahe nach Belgrad versetzt. Ab dem Ende der Stadt geht es auf schlechtem Belag und vielen Lkw weiter. Die Temperatur ist heute beinahe unerträglich. Bei wolkenlosem Himmel erreicht die Quecksilbersäule 37 Grad. Landschaftlich gibt es außer großer unendlicher Weite nichts zu sehen. Es gilt möglichst schnell viele Kilometer zu fressen, um von der verdammten Hauptstraße wegzukommen. Dies gelang mir nach etwa 115 Kilometern. Am Abzweig nach Ochakiv wartet bereits Oleg auf mich. Eine herzliche Begrüßung erfolgt und danach natürlich nochmals etwa 40 Kilometer. Da der Wind es sich wohl zur Aufgabe gemacht hat, möglichst regelmäßig zu stören, kommt jetzt nochmals eine kräftige Brise auf, die mit voller Stärke mir entgegenbläst. Es ist nicht schön zu fahren, aber das interessiert letztlich auch keinen mehr. Fakt ist, dass ich am Ziel meiner Reise bin. Fassen kann ich es bisher noch nicht so richtig. Was folgt jetzt noch: Morgen mehrere Termine mit Presse und Fernsehen und am Samstag noch eine Ehrenetappe nach Solonchaki. Wenn das alles erledigt ist, geht es zurück in die Heimat. Mit gut funktionierendem Fahrrad und Dienstbefreiung durch den Arbeitgeber würde ich sogar auf direktem Wege wieder nach Frankfurt am Main zurückfahren. Da beide Punkte momentan nicht zu erfüllen sind, bleibt für die Rückkehr wohl nur der Bus oder der Flieger.

 

12.06.2009 – Besuch der Dorfschule von Solonchaki (5,72 Kilometer)

4942 Gesamtkilometer – wenn man diesen Gesamtkilometerstand sieht, ist ja klar, dass da noch etwas fehlt. Oder??? Die magische Zahl von 5000 gefahrenen Kilometern soll morgen im Rahmen einer Ehrenetappe nach Solonchaki geknackt werden und danach ist endgültig Schluss. Nur noch einen Tag, wo ich auf dem Fahrrad sitzen kann. Das stimmt mich schon ein wenig traurig. Dies zeigt aber auch in eindrucksvoller Weise, dass sich ein Mensch an die enormen Strapazen einfach gewöhnt. Jetzt zum Tagesgeschehen: Es geht heute mal nicht ganz so früh raus, wie die letzten Tage. Gegen 10:45 Uhr fahre ich mit dem Rad zum Ortseingang von Ochakiv. Dort warteten bereits eine Vertreterin der örtlichen Presse und eine Bekannte von Oleg. Wenige Minuten später geht es dann richtig los. Ein Kleinbus mit Teams von 3 ukrainischen Fernsehteams (UT1 oder das Erste, der bekannteste Privatsender 1+1 und vom Sender IC-TV) rücken an, um Filmaufnahmen von mir zu machen. Welch große Ehre! Zusammen fahren wir danach im Bus zur Dorfschule. Dort wird weiter gedreht und ein größeres Interview aufgezeichnet. Am nächsten Tag erfolgt die Ausstrahlung. Die Schüler empfangen mich mit großen und neugierigen Augen. In einfachen Worten erkläre ich etwas zur Tour und lasse auch einen Schüler mit dem Fahrrad fahren, der mit dem Gefährt unglaublich gut zurechtkommt. Danach fahren wir nach Ochakiv zurück und verabschieden die Leute vom Fernsehen. Zusammen mit Tanya, Oleg und Timosha lassen wir uns in einem Restaurant die leckere einheimische Küche schmecken. Im Laufe des Tages kümmert sich mein Bruder um meine Rückkehr. Am Montag wird es gegen Nachmittag mit dem Flugzeug über Budapest nach Deutschland zurückgehen. Sofern das Wetter an diesem Tag schön ist, gibt es nochmals ein paar Ausblicke auf meine geliebte Donau. Es ist irgendwie schon ein komisches Gefühl, wenn man die gesamte Strecke anstatt in 44 Tagen innerhalb von nur 5 Stunden (inkl. Zwischenlandung und Aufenthalt) zurücklegt.

 

13.06.2009 – Ehrenetappe von Ochakiv nach Solonchaki und zurück (68,4 Kilometer)

Heute geht es nach dem Frühstück aus eigener Kraft nach Solonchaki. Das Wetter ist herrlich. Nur der stürmische Westwind störte etwas und den hatte ich mir in den vorangegangenen Etappen immer gewünscht. Wenn man ihn braucht, ist er nicht da. Vor der Schule wartet bereits eine Gruppe Kinder, die extra am Wochenende gekommen sind, um mich zu begrüßen. Auch die Direktorin ist anwesend und zeigt mir die Schule. Schade, dass ich nur wenige Worte Russisch kann und so nicht richtig kommunizieren kann, wie es wünschenswert gewesen wäre. Aber etwas konnten wir uns schon verstehen. Jeder Lehrer in Deutschland würde sich wohl solche Schüler wie in Solonchaki wünschen. Alle sind freundlich, aufgeschlossen und brachten den Lehrern den notwendigen Respekt entgegen. Keiner gibt freche Antworten oder spielt den Clown. Auf der Rückfahrt nach Ochakiv knacke ich die 5000-Kilometermarke. Damit sind jetzt alle Ziele der Radtour erreicht. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Errichtung der Toilettenanlage in der Schule. Wenn alles gut läuft, kann dieses Ziel bereits binnen weniger Wochen realisiert werden. Gestern Abend wurde übrigens auf allen wichtigen ukrainischen Fernsehkanälen zur Hauptsendezeit über meine Ankunft mit dem Fahrrad berichtet. Die Folge: Eine Menge Leute haben die Nachrichten gesehen und sprechen mich an oder drehen sich ehrfürchtig nach mir um. Am Abend bittet auch der erste Jugendliche um ein Autogramm. Er ist begeistert, dass er mich auf der Etappe zwischen Odessa und Ochakiv sowie später im Fernsehen gesehen hatte. Was für eine verrückte Welt?

 

14.06.2009 – Ein letzter Ruhetag in Ochakiv

Vom heutigen Tag gibt es eigentlich nichts Besonderes zu berichten. Wir sind in der Stadt und erledigen ein paar Kleinigkeiten. Später geht es kurz an den Strand und danach ein echtes ukrainisches Schaschlik essen. Das schmeckt vielleicht gut. Zu fünft machen wir uns über 1,3 kg Fleisch her. Morgen steht noch ein kurzer Besuch bei Natascha an. Sie hat es durch ihre Beziehungen geschafft, dass die drei wichtigsten Fernsehkanäle von meiner Reise berichteten. Danach fahren wir mit einem Kleinbus zum Flughafen. Heute ist übrigens der erste Tag, wo ich nicht einmal auch nur für einen kurzen Moment auf dem Rad sitze.

 

15.06.2009 – Ochakiv – Odessa – Budapest – Frankfurt am Main mit Auto und Flugzeug

Der letzte Tag beginnt ziemlich hektisch. Die Taschen werden flugfertig gepackt und danach wartet noch der Termin mit der Presse (Natascha) in der Stadt. Davor will ich noch etwas Geld am Automaten ziehen. Leider ist meine Visa-Karte gesperrt. Glücklicherweise sind meine Euro-Reserven noch nicht ganz aufgebraucht und so kann ein Teil in dringend notwendige Griwnas eingetauscht werden. Auch hier entwickeln sich Hindernisse, denn nicht jede Bank ist in der Ukraine zum Eintauschen von Euros bereit. Der Pressetermin verläuft eher unspektakulär. Weitaus dramatischer ist das Abschrauben der Pedale am Fahrrad. Drei Ukrainer und ein Deutscher mühen sich mehr als eine Stunde, bis die beiden Dinger endlich ab sind. Dementsprechend spät geht es mit dem Kleinbus in Richtung Flughafen Odessa, wo ich 75 Minuten vor Abflug eintreffe und der einzige noch fehlende Fluggast bin. Gegen eine Gebühr von 20,- €(!) verpackt ein Mitarbeiter des Flughafens das Rad in transparente Folie. Weitere 60,- € sind für den Flug des guten Stücks fällig. Aufgrund der gesperrten Kreditkarte geht das allerletzte Bargeld dahin. Mehr darf nicht passieren, denn das Geld ist alle. Fünf Minuten vor der geplanten Zeit startet der Flieger. Nochmals kann ich von oben auf einige Streckenabschnitte schauen. Weiter fliegen wir über die Republik Dnjestr (Transnistrien), die Republik Moldau (Moldawien) und Rumänien dem Zielflughafen Budapest entgegen. Nach einem kurzen Aufenthalt und Flugzeugwechsel geht es in Richtung Frankfurt am Main weiter, wo ich um 20.05 Uhr Ortszeit lande. Bereits morgen wartet wieder die Arbeit auf mich. Eine wunderschöne und spannende Reise ist vorbei. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die letzte Reise mit dem Fahrrad sein. Bereits jetzt entwickeln sich erst Ideen in meinem Kopf, die sich wohl nach und nach konkretisieren werden. Morgen erscheint der vorerst letzte Tagebucheintrag.

 

16.06.2009 – Die Tour ist vorbei

Ich arbeite wieder. Die Tour ist endgültig vorbei. Bis auf den Achsenbruch am Hinterrad gab es eigentlich nur schöne Erlebnisse und eine Vielzahl von unvergesslichen Eindrücken. Jetzt steht die Organisation des Hilfsprojekts auf der Tagesordnung. In Kürze wird das Schulamt mitteilen, welcher Geldbetrag tatsächlich notwendig ist, um den Bau der sanitären Einrichtung zu realisieren. Sofern alles gut verläuft, kann die Baumaßnahme innerhalb weniger Tage beginnen und im Laufe der ukrainischen Sommerferien zum Abschluss kommen. Im Menüpunkt “Aktuelles” wird ab jetzt wieder in unregelmäßigen Abständen darüber berichtet. Schauen Sie also immer Mal wieder rein. In den nächsten Tagen werden auch einige Fotos auf der Internetseite veröffentlicht. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen bedanken, die das Hilfsprojekt durch die Übernahme einer Patenschaft unterstützt haben. Es sind aktuell noch etwa 350 Kilometer an Patenschaften zu vergeben. Vielleicht findet sich ja noch der ein oder andere Unentschlossene, der zur Übernahme eines Streckenabschnitts bereit ist. Die Kinder von Solonchaki würden sich sicher darüber freuen.

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