Slowakei 2012 Teil 6 – Zum König der Karpaten

Auf den heutigen Tag haben die meisten Teilnehmer unserer Gruppe lange gewartet. Es soll auf die Gerlsdorfer Spitze (Gerlachovský štít) gehen. Mit 2.654 Metern über dem Meeresspiegel handelt es sich um den höchsten Berg der Hohen Tatra, der Slowakei und der gesamten Karpaten. Der Gipfel ist für Wanderer definitiv nicht geeignet. Es handelt sich um eine schwere Bergtour mit großen Höhenunterschieden, die ein übergroßes Maß an Orientierungssinn und sicheres Gehen auf ausgesetzen Wegen und freie Kletterei im 2 bis 3 Schwierigkeitsgrad verlangt.

Im letzten Dunkel der Nacht stellen wir gegen 6 Uhr unser Auto in Tatranská Polianka ab und steigen auf normalen Wanderwegen zum Batizovské See auf. Das Wetter zeigt sich von der schönsten Seite. Der Himmel ist wolkenlos und die Sicht reicht bis zu den Bergen der Niederen Tatra. Am See verlassen wir den markierten Weg und steigen nun über schmale Pfade und Blockwerk in Richtung Felswand auf.

Bereits vor 12 Jahren hatte ich den Gipfel schon einmal bestiegen und ich erinnerte mich daran, dass der Aufstieg in einer steilen Felsrinne erfolgen muss. Doch welche Rinne nehmen wir jetzt. Viele Rinnen laden zum Aufsteigen ein, aber die Verhältnisse sind einfach ohne Seilsicherung zu schwierig. Nach einer guten Stunde geben wir die Suche auf und entschließen uns für den Abstieg und genau in diesem Moment sehe ich in deutlicher Entfernung eine Gruppe Bergsteiger in einer anderen Rinne herunterkommen. Das muss sie sein, denke ich und wir laufen sofort zu dieser Stelle. Wir sprechen mit dem Bergführer und er sagt, dass wir hier richtig seien.

Wir überlegen, ob wir um 12.00 Uhr noch weiter aufsteigen sollen. Die Beratung dauert nicht lange. Es soll weiter bergauf gehen, und wenn bis 14.00 Uhr der Gipfel nicht erreicht ist, erfolgt umgehend der Abstieg, um nicht in die Nacht zu geraten. Die Orientierung ist äußerst schwierig. Das Gelände erfordert alles von uns ab. Wir suchen immer wieder Bohrhaken, die von den Bergführern zum Sichern ihrer Klienten genutzt werden und erklimmen so langsam aber sicher die Rinne. Kurz nach 14.00 Uhr haben es alle Teilnehmer (Hans, Manfred, Martin und Pedro) geschafft. Sie stehen auf dem höchsten Berg der Karpaten und genießen die fantastischen Ausblicke auf die Hohe Tatra.

Leider können wir uns nicht so lange auf dem Gipfel aufhalten, da die Zeit bereits zur Rückkehr mahnt. Mit voller Konzentration geht es langsam aber sicher wieder abwärts. Jeder von uns weiß, dass er sich keinen Fehler erlauben kann. Ein Absturz in diesem Gelände führt hier ohne Seilsicherung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schwerwiegenden Verletzungen oder sogar zum Tode. Pedro geht auch im Abstieg voran und findet jetzt sogar einfachere Wegabschnitte als im Aufstieg. Nochmals passieren wir eine mit Stahlstiften versicherte Stelle und hier passiert auch das einzige Missgeschick des Tages. Eine extrem tiefe Trittstufe und eine etwas außergewöhnliche Position lässt meine Trekkinghose komplett aufreisen – Totalschaden! Um 16.00 Uhr erreicht unsere Gruppe wieder die Felswand. Die gefährlichen Situationen sind alle gemeistert. Es geht zurück zum Batizovské pleso und weiter ins Tal. Der Weg zieht sich aber noch und erst gegen 18.30 Uhr erreichen wir nach 12 ½ Stunden und 1.650 Höhenmetern im allerletzten Tageslicht unser Auto.

Romantische Dämmerungserscheinung

Rast am Batizovské pleso mit Blick auf die Končista (2.537 Meter)

Wer findet den richtigen Aufstiegsweg?

Am höchsten Punkt - ein wunderbares Gefühl

Blick vom Gerlach in nordwestliche Richtung

Der Abstieg erfordert höchste Konzentration

 

 

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